ArchivePage 2 of 50

“Ich mache jetzt drei Tage Urlaub in der Türkei”

Das Poststadion in Berlin-Moabit ist ein geschichtsträchtiger Ort. Schalke holte hier 1934 die Deutsche Meisterschaft und zwei Jahre später der 1. FC Nürnberg auch. Zwischendurch boxte Max Schmeling im weiten Rund. Von diesem Ruhm und Glanz zeugt heute vor allem die Außenfassade, die wiederhergestellt wurde und die Tribüne, obwohl dort ein Großteil der Sitze abmontiert ist. Die Anlage fasst heute noch 10.000 anstatt der früher möglichen 45.000 Zuschauer. Dort, wor früher die Tribünen waren, stehen heute Bäume.

In diesem Stadion empfing in der ersten Runde des DFB-Pokals der Oberligist Berliner Athletik-Klub 07 den Bundesligisten 1. FSV Mainz 05. Verglichen mit den Sicherheitsdiskussionen anderer Spiele bestach die Organisation durch eine beinahe familiäre Atmosphäre. Am Haupteingang probierten sich ein paar Jungs im fröhlichen Wechsel der knappen Parkschilder. Auto fährt mit Parkschein auf das Stadiongelände, Parkschein kommt wieder zurück zum Haupteingang und so weiter. Kurze Zeit später riss aber einer Ordnerin der Geduldsfaden: “Das ist doch hier keine Familienfeier!” Und der Spuk war aus.

Die gescheiterte Verschmelzung mit dem Club Italia Berlino war kein Thema mehr. Auf dessen Geld war man nach dem überaschenden Berliner Pokalsieg gegen den BFC Dynamo nicht mehr angewiesen. Allein für den Antritt in der ersten Runde erhielt der Verein vom DFB die für einen Fünftligisten sehr stolze Summe von 113.000 € (100.000 € Antrittsprämie plus 13.000 € vom Pay-TV für den Heimverein). Der Verein hat sich umorientiert. Die Kooperation mit Ankaraspor in der Türkei ist Vergangenheit und war an diesem Tag nur auf dem offiziellen Mannschaftsbogen als Berlin Ankaraspor Kulübü zu lesen. Erst in der nächsten Woche wird die Rückbenennung in Berliner Athletik-Klub 07 durch das Amtsgericht offiziell werden. Aber der neue alte Name und Emblem sind bereits überall sichtbar. Auch auf den Trikots der Spieler.

Zwar befindet man sich als Zuschauer nur knapp zehn Minuten Fußweg vom Berliner Hauptbahnhof entfernt. Aber trotzdem war die Berliner Mitte ganz weit weg. Den Ehrengästen wurde türkischer Kaffee gereicht und beleibte türkische Männer küssten sich und hielten lange die Hand. Es waren ganz andere kulturelle Codes, die wichtig waren. Über allem stand die Improvisation für einen Verein, der zu einem normalen Ligaspiel etwa 150 Zuschauer empfängt. Zur Pokalrunde waren es für Berliner Verhältnisse gute 1.120 Zuschauer. In jeder anderen Stadt eine beschämend niedrige Zahl.

Zum Anpfiff war jedoch allen das gleiche wichtig: Fußball. Ein einfaches Spiel, das in beinahe jedem kulturellen Kontext funktioniert. Mainz nahm in der schwülen Luft die vorbereitete Rolle des Favoriten an, der pomadig und behäbig das leicht zu hohe Gras beackerte, während der BAK die Räume geschickt verengte. Unterhalb der Hauptribüne standen auf Stehplätzen die Anhänger des BAK und eine kleine Gruppe sang und trommelte unentwegt. Kinder wurden von ihren Vätern auf die hüfthohe Absperrung gesetzt, während Ordner gelangweilt auf Plastikstühlen saßen.

Und dann in der 37. Minute die Einzelaktion von Lewis Holtby, der einfach mal aus 18 m zentral vor dem Tor abzieht. Vom BAK war bis dahin offensiv kein Schuss zu sehen gewesen, der auf das Tor kam. Plötzlich schien es einen Ruck zu geben und nur eine Minute später köpfte der junge Fardjad-Azad an die Latte und kurze Zeit später noch einmal am Tor vorbei. Mainz wusste sich nicht anders als mit einigen Fouls zu helfen, die vom Schiedsrichter nicht sofort mit Gelb geahndet wurden. Dies sorgte auf der Tribüne für Unmut und es entlud sich eine türkische Schimpfkanonade, die gut hörbar mit “Schirie, hast Du keine Mut oder was?” endete.

Torhüter Stillenmunkes testete in der zweiten Hälfte zweimal seine Dribbelkünste gegen die Mainzer Stürmer. Auf der Tribüne wurde geraunt, ob er unbedingt in die Sportschau kommen wolle. Nach dem Spiel löste Trainer Foroutan das Rätsel auf: “In der Kabine bin ich laut geworden, sogar sehr sehr laut. Und ich habe meinem Tormann angeordnet, wenn er den Ball bekommt, durch die Beine des gegnerischen Mittelstürmers zu spielen. Und wenn dabei ein Tor fällt, dann sei ich daran schuld und nicht er.” Der Rest des Spieles folgte der Dramaturgie eines üblichen Pokalspiels. Holtby erhöht auf 2:0. Und dann kämpft der unterklassige Gegner sich heran und macht mit Keser, der Noveski aussteigen lässt, in der 83. Minute den Anschlusstreffer. Der Rest war Kampf und bereits etwas Krampf bei den Gastgebern. Ohne den erhofften Ausgleich allerdings.

Nach dem Spiel feiert die Mannschaft des BAK vor der Tribüne. Sie gibt die Welle. Und dann stehen Torhüter Stillenmunkes, Torschütze Keser, der vor dem Tor glücklose Fardjad-Azad und der Trainer zusammen. Sie gestikulieren und diskutieren. Keser hadert mit seinen Chancen. Plötzlich zeigt der Torhüter auf die Gegentribüne und sagt: “Trainer, ich muss mal zu meinen Fans.” Und rennt los zu einer allein feiernden Gruppe von vielleicht sieben acht Leuten. Ibrahim Keser, der nach seinem Tor einen Jubel zeigte, für den auch der ehrwürdige Kicker das Prädikat “Internationale Klasse” vergeben hätte, trauerte der vergebenen Chance hinterher. Auf die Frage, ob er die Nacht schlecht schlafen würde, antwortete er: “Weiß ich nicht. Ich fliege jetzt erst einmal in die Türkei, drei Tage Urlaub machen”.

Pressekonferenz mit den Trainern von BAK 07 und Mainz 05

Musikvideo: Adobe Flash Player (Version 9 oder höher) wird benötigt um dieses Musikvideo abzuspielen. Die aktuellste Version steht hier zum herunterladen bereit. Außerdem muss JavaScript in Ihrem Browser aktiviert sein.

Bilder: Stefanie Lamm

Zweimal Berlin, bitte!

Kommentar

Manchmal hat man die Wahl:

Das Leipziger Zentralstadion, das seit kurzem nicht mehr so heißt, sondern anders. Der Hallesche FC gegen den 1. FC Union Berlin.

Das Poststadion in Moabit. Auch so eines, das man eigentlich unter Naturschutz stellen möchte, sehen doch seine Stehplätze im oberen Bereich dem Großen Tropenhaus nicht ganz unähnlich. Berliner Athletik-Klub 07 gegen den FSV Mainz 05.

Ersteres versprach, die interessantere Partie zu sein, letzteres der reizvollere Austragungsort.

Poststadion Gegengerade

“Ach, nehm´ ick do´zweema Berlin – bleib ick hier, und Union jewinnt in Leipzich.” Das war, was ich wunschdachte. Ich denke ja im Heimatdialekt. Darüberhinaus: Möchte man bei einem Spiel zu Gast sein, dessen gastgebender Verein selbst keinen Gedanken an die Organisation verschwendet und das gesamte Sicherheitskonzept vertrauensvoll in die Hände der Polizei legt? Jan Glinker hätte darauf vermutlich eine klare Antwort.

Berlin also. Und siehe da – versehentlich war es auch das bessere der beiden Pokalspiele.

Zu beschützen gab es hier höchstens die Polizei, und möglicher Weise den BAK-Trainer. Vor seinen eigenen Leuten nämlich. “Trainer, ist gut jetzt, mach mal ganz ruhig” rief ihm denn auch besorgt sein Torwart zu und dirigierte dann seinerseits die Mannschaft.

Der Rest war Fußball. Und so gehört das auch.

Es gibt nur zwei Vereine an der Spree

In die Schwalbe im Prenzlauer Berg kamen zur ersten in dieser Saison vom Journalisten Thorsten Poppe organisierten Sportstunde der Präsident des Berliner Fußballverbandes, Bernd Schultz, und Christian Beeck, Sportdirektor des 1. FC Union Berlin. Das übergeordnete Thema lautete “Derbyzeit in Liga 2 – Chance für den Berliner Fußball?”.

Es wurden sämtliche Themen rund um das Zusammentreffen der beiden Vereine besprochen. Sei es die Stadionfrage, der Verweis auf eine ehemalige Fanfreundschaft während der Teilung Berlins, das unterschiedliche Image der Klubs oder der kleine Platzsturm beim Spiel Hertha gegen Nürnberg im Olympiastadion. Diese Themen und auch die Antworten waren rundum erwartbar und boten für den aufmerksamen Betrachter des Berliner Fußballs wenig Neues.

Dafür entführte Thorsten Poppe vor dem Gespräch die Zuschauer in eine Zeit, als im Berliner Fußball im Profibereich noch gegeneinander gespielt wurde. Bei Ereignissen wie den von ihm erwähnten Bundesligaduellen von Tennis Borussia gegen Hertha BSC stellte sich ein bißchen das Gefühl von “Opa erzählt vom Krieg” ein. So unwirklich und unvorstellbar klingt solch ein Aufeinandertreffen heute.

Die Chance für den Berliner Fußball selbst, der gerade gestern durch eine Gerichtsentscheidung wieder einmal zurückgeworfen wurde, konnte allerdings nicht herausgearbeitet werden. Natürlich betonten beide Gäste, dass sie auf eine gesunde Rivalität hofften. Bernd Schultz bat zusätzlich die Medien, keine Ost-West-Geschichten zu konstruieren. Ansonsten sah man, dass sowohl der Sportdirektor von Union als auch der Präsident des Berliner Verbandes sich gut verstanden. Es war insgesamt eine sehr kuschelige Atmosphäre. Unverständlich, dass es Hertha nicht möglich war, jemanden aus der Geschäftsstelle zu schicken, der den Gegenpart hätte geben können.

Der Berliner Fußball krankt aber nicht oben im Profibereich, auch wenn es verständlich ist, dass sich der Präsident einen Erstligisten als Aushängeschild wünscht. Im Nachgespräch machte Schultz auch deutlich, dass gerade die Regionalliga in ihrer bestehenden Form keine Zukunft haben wird. Alternative Modelle, die sowohl den Profibereich und dessen Wunsch nach Wettkampfpraxis seiner Nachwuchsmannschaften als auch die Sehnsucht nach einer attraktiven Liga durch die normalen Mannschaften befriedigen, seien allerdings bisher noch nicht gefunden. Fakt sei aber, dass zumindest die Anzahl der zweiten Mannschaften begrenzt werden müsse. Auch der Frauenfußball führe in Berlin ein stiefmütterliches Dasein. Dem stellte Schultz allerdings eine sehr gute Entwicklung im Mädchenbereich gegenüber.

Die nächste Sportstunde findet am 9. September um 21 h in der Schwalbe (Stargarder Straße 10, Prenzlauer Berg) statt. Als Gast wird Andreas Rettig (Geschäftsführer des FC Augsburg) vor Ort sein. Das Thema lautet: “Die Entwicklung der Bundesliga im wirtschaftlichen und sportlichen Vergleich mit den europäischen Top-Ligen”.

Mitschnitt des ersten Teils der Diskussion mit Schultz und Beeck (35 Min)

Musikvideo: Adobe Flash Player (Version 9 oder höher) wird benötigt um dieses Musikvideo abzuspielen. Die aktuellste Version steht hier zum herunterladen bereit. Außerdem muss JavaScript in Ihrem Browser aktiviert sein.

Podcast in iTunes abonnieren

Podcast als RSS-Feed abonnieren

Download als MP3

Bemerkung: Leider ist der Akku im Aufnahmegerät leer gewesen, so dass der zweite Teil nicht gespeichert wurde.

Der spannendste Film der Welt: Wer gewann das magische Trikot?

Einkaufen gehen.

Montag ist KickerFuwo-Tag. Aufgrund der Liebe zum Detail im Berliner Amateurfußball und der klaren Worte gegenüber Vereinen und Verbänden bei der Organisation des Spielbetriebs ab Liga vier abwärts ist die Wochenzeitung ein Pflichtblatt im Berliner Fußball. Später als alle anderen Verlage publizierte sie nun ihr 22. Sonderheft zur neuen Saison.

Fußball-Woche Sonderheft 2010/11

Die Berliner Zweitligisten kommen mit großem Mannschaftsposter daher und werden auch mit einer aufwendigen Berichterstattung bedacht, die alle Neuzugänge einzeln charakterisiert und jeweils ein Interview mit den Cheftrainern beinhaltet. Cottbus und Aue teilen sich dagegen nur zwei Seiten. Zu den restlichen Zweitligisten erhält man jeweils kurze Informationen zu Zu- und Abgängen und Verein allerdings ohne Mannschaftsbilder. Diese sind auch nicht notwendig, ist doch die Stärke der Fußball-Woche nicht die allumfassende Berichterstattung, die man sicher gerne dem Kicker überlässt, sondern der starke regionale Fokus. Deshalb kann man, noch bevor ein einziger Text zur Bundesliga kommt, einen einseitigen Text über die Berliner Schiedsrichter im Profibereich und deren Ausbildung beim Berliner Fußballverband lesen.

Sehr vernachlässigt in Magazinen wie Sportbild, 11Freunde oder Kicker wird die gesamte Struktur des Fußballs in Deutschland. In der Fuwo ist dagegen der schematische Ligenaufbau in Deutschland bis zu den Oberligen und danach die detaillierte Ansicht von der Berlin-Liga (6. Liga) bis hin zur Kreisliga C (11. Liga) für den Berliner Fußball obligatorisch. Diese Struktur bildet dann die Grundlage für das restliche Heft. Jede Liga wird vorgestellt, wobei bei der dritten Liga und der Regionalliga Nord lediglich die Vereine aus der Region (ein manchmal sehr weitgefasster Begriff, wenn sich auch der Chemnitzer FC darunter befindet) näher betrachtet werden.

So sachlich bis trocken meist der Ton der Texte ist, findet sich so manches schöne Mannschaftsbild. So wird zum Beispiel vom Grünauer BC, Aufsteiger in die Landesliga, das Mannschaftsbild von der Aufstiegsfeier abgedruckt. Bier und jubelnde Männer, einer mit Baby auf dem Arm, zeigen mehr Freude am Fußball und den Gewinn einer Meisterschaft als es eine Konfettikanone auszudrücken vermag. Ansonsten gibt es bis zum bitteren Ende der 5. Abteilung der Kreisliga C alle Kader und Kontaktdaten sowie eine jeweilige Einschätzung zur Staffel. Wer bis dahin noch nicht genug hat, bekommt hinterher als Leckerbissen die Abschlusstabellen aller Ligen von Berlin und Brandenburg geliefert. Dazwischen acht Seiten Frauenfußball von der WM über die Bundesliga bis zur Regionalliga. Dies stiefmütterliche Dasein deckt sich bei allem Erfolg von Turbine Potsdam mit dem Stellenwert des Frauenfußballs in den Berliner Vereinen, wo einzig der 1. FC Lübars durch die Kooperation mit Hertha BSC herausragt.

Berliner Geschwister

OK. Dann stelle ich mich also dieser Herausforderung. Als gäbe es davon im Leben nicht eh schon mehr als genug, musste ich natürlich zusagen. Ich, als Herthaner und Westberliner, der die Wende vor allem mauersteineklopfend erlebt hat und dementsprechend wenig Sinn für ein geteiltes Deutschland hat, habe nun den Salat. Ich habe mich also dazu bereit erklärt auf diesem – nennen wir es – eisernen Ostblog einen Beitrag zu schreiben. Einen Beitrag über die Berliner Geschwister, die da wären: Die große Schwester Hertha und der kleine eiserne Bruder David.

Nein. Ich werde nichts über Derbies in der zweiten Liga schreiben. Das ist ein Thema für Zeitungen, die große Buchstaben, viele Fotos und vor allem Meinungen in die Welt hinausposaunen. Außerdem wird es zwischen Union und Hertha erst dann ein richtiges Derby geben, wenn sich die beiden Teams in der ersten Liga duellieren. Also in der kommenden Spielzeit. Bis dahin werden Berliner Derbies nicht unbedingt mein Thema sein.

Ja. Dann schreibe ich doch lieber etwas über Innerberliner Verhältnisse. Allerdings kann ich auf Grund meines noch recht überschaubaren Alters wenig bis gar nichts mit dem ganzen Nostalgie-Gedöns anfangen, der vor der Wendezeit liegt. Ich weiß, dass es da mal eine Freundschaft zwischen den Eisernen und den Blau-Weißen gegeben haben soll. Heute weiß ich davon allerdings nichts mehr. Ich sehe, höre und lese wenig von dieser Freundschaft, außer dass es sie mal gegeben haben soll. Gott hab’ sie selig, die DDR, die Wende, die Nostalgie und die alte Freundschaft. Sicher war nicht alles schlecht, aber wen interessiert das heute noch?

Wenn ich also etwas über das Verhältnis von Union und Hertha schreibe, dann muss ich einiges vorweg stellen. Neben der oben geschilderten Ignoranz gegenüber der Vergangenheit, bin ich im höchstem Maße subjektiv. Ich schreibe über meine Wahrnehmung und meine Einschätzungen, die ich weder belegen kann noch will und die alle anderen gerne anders sehen dürfen. Nur zu, Widerspruch ist erwünscht.

Wer meine textliche Vergangenheit unter blau-weißer Flagge kennt und wer mein Geschreibe des letzten Jahres zur Kenntnis genommen hat, weiß sicherlich, dass ich der alten Dame und ihren Fans recht kritisch gegenüber stehe. Ich stehe zu ihr. Keine Frage. Aber ich mache sicherlich nicht alles mit und schreibe das dann auch. Soviel zur Vorrede.

Seit einem Jahr nun spielt da ein Berliner Vorort-Verein in der zweiten Liga und man kann ihn irgendwie nicht mehr ignorieren. So denken viele Nicht-Eiserne über Union. Immerhin spielen sie zweite Liga. Das ist zwar noch nicht Europapokal, aber auch nicht ganz unbedeutend. Nach dem Abstieg der Hertha kommt man um die Unioner endgültig nicht mehr herum. So wie man den jüngeren Bruder eben auch nicht ständig ignorieren kann. Er gehört dazu, ob man will oder nicht.

Sie sind ja auch irgendwie putzelig. Diese ehrlich arbeitenden Ossis. Da bauen sie auf HartzIV-Kostenstelle ihr Stadion in Handarbeit um. So denken die meisten blau-weißen Wessis, die sich ihr Stadion einfach direkt von der Stadt haben aufmotzen lassen. Das Reflexionsniveau unter Fußball-Fans scheint grundsätzlich unterdurchschnittnlich zu sein. Denke ich. Macht aber nichts, da lässt es sich einfach besser pöbeln.

Mal davon abgesehen, dass der kleine Nachbar ab und an mit kernigen Sprüchen provozieren möchte, fällt da noch etwas anderes in der Beziehung zwischen Ost-Unionern und West-Herthanern auf. Beide reklamieren ja nur zu gern für sich, der Fußball-Verein für ganz Berlin zu sein. Die kleinen, häßlichen Stiefgeschwister TeBe und Dynamo schreien da zwar immer auf. Aber wen interessiert das schon? Wichtiger ist noch, dass beide – sowohl Hertha als auch Union – es wohl auf absehbare Zeit nicht schaffen werden, der Berliner Gesamtverein zu werden. Und das ist auch gut so, denn Berlin stand immer schon und steht immer noch für Vielfalt.

Noch amüsanter wird es, wenn man sich die eisernen Sticheleien gegen ein leeres Olympiastadion anschaut. Klar, die Kritik und die Hähme sind angebracht. Das Olympiastadion ist doch häufiger zugig, denn euphorisch gefüllt. Allerdings sieht das in der vergleichsweise winzigen Alten Försterei nicht anders aus. Die Zuschauerzahlen der vergangenen Zweitliga-Saison sind nicht unbedingt rühmlich, nicht wahr? (Im Schnitt blieben ein Viertel der Plätze leer). Letztlich sollten beide Vereine bezüglich der Stadionauslastung die Klappe halten. Das wird sonst peinlich, wenn man einmal nach Düsseldorf oder Kaiserslautern schaut…

Aber so ist das halt, wenn groß und klein sich streiten. Hauptsache, der andere steht schlechter da, egal wie blöd man selbst dabei aussieht. Die große alte Dame – quasi die große Schwester des kleinen eisernen Bruders – sie müsste einfach locker bleiben. Kann sie aber nicht. Sie bekommt weitaus mehr Taschengeld, bekommt aber auch als erste Dresche, wenn es nicht so läuft. Schließlich muss sie mehr Verantwortung tragen. Der Kleine dagegen versucht sich immer wieder abzusetzen und anders zu sein, um dadurch aus dem großen Schatten der Schwester heraus zu treten.

Manchmal kann ich mich dem Eindruck nicht entziehen, dass der eiserne Zwerg aus der Berliner Provinz versucht, den Pauli-Mythos nach Berlin zu kopieren. Klar, die David-vs.-Goliath-Thematik passt. Ebenso ist die alte Dame größtenteils so piefig und bieder wie der HSV. Aber der kleine eiserne David kommt halt aus Köpenick. Und bei allem Respekt gegenüber diesem wunderschönen Stadtteil Berlins: Das ist mal eine ganz andere Hausnummer als der Hamburger Kiez. Sagen wir es so: An Piefigkeit ist der eiserne David zusammen mit der alten Dame ganz vorne mit dabei.

Natürlich mögen die Kenner da die feinen Unterschiede erschnüffeln. Ehemals ostdeutsch-piefiges Kleinbürgertum riecht anders als ehemals westdeutsch-piefiges Kleinbürgertum. Das will ja auch niemand wegdiskutieren und es ist ja sogar schön, dass es an jeder Berliner Ecke anders stinkt. Aber sowohl in ehemals Ost als auch in ehemals West war, ist und bleibt die kleinbürgerlich Piefigkeit. Du bist so wunderschön, Berlin!

Was ich an den Image-Kampagnen der großen Schwester Hertha schon seit Jahren kritisiere, ist ja dieses blind-taube Ignorieren der eigenen Identität. Ich bin mir sicher, dass Hertha sich erfolgreich als Marke etablieren könnte, wenn sie sich mehr auf den ihr eigenen Eck-Kneipen-Mief konzentrieren würde. Niemand mit einer echt blau-weißen Seele interessiert sich für play.berlin oder Aus Berlin. Für Berlin. Vielleicht kann man damit ein paar Brandenburger überzeugen. Aber auch nur vielleicht. Wahrscheinlich nicht.

Spielt sich der kleine eiserne und ebenso piefige David aus Berlin-Köpenick jedoch als alternativer Mainstream-Punk (sic!) auf, wird das nicht weniger peinlich als die blau-weiße Großmannssucht der alten Dame Hertha. An die Lernfähigkeit des Charlottenburger Managements glaube ich nicht mehr. Ich habe mich damit abgefunden, dass die alte Dame in meinem Leben wohl gerne etwas anderes werden möchte als sie bleiben wird und werden könnte. Ein Hoch auf die Schizophrenie!

Für den kleinen eisernen David besteht allerdings noch Hoffnung. Vielleicht werden in Zukunft auch ein paar Herthaner raus zur Alten Försterei fahren, weil man dort noch ein gepflegtes Pils bekommt, das man in piefiger Ruhe unter Gleichgesinnten konsumieren kann. In einer kleinbürgerlich engen Welt, in der der Fußball bleibt was er in seinem Kern ist: Ein netter Zeitvertreib, der einem Orientierung und Sicherheit gibt, für ein Leben, das eh aus viel zu vielen Herausforderungen besteht.

Ich hoffe, dass der kleine eiserne David aus den Fehlern seiner großen Schwester Hertha lernt. Falls nicht, bleiben uns die Derbies in der ersten Liga. In der kommenden Saison. Ich freue mich schon!

Fußbälle, die durchs Bild hoppeln — 54 Fußballfilmtipps

Die Textilvergeher lassen ihren Blog weiter von Urlaubsvertretern füllen, heute von München aus. Als Fan eines anderen Vereins hatte ich unter anderem die abstruse Idee, den Platz hier zu kapern und ein, zwei Liveblogs von einem für mich (zumindest theoretisch) recht ereignisreichen Vorsaison-Samstag zu schreiben. Aber warum sich eines weiteren Textvergehens schuldig machen, wenn die Vorgabe der Auftraggeber „Schön wäre es, wenn zumindest ein Fußball durch das Bild hoppeln würde“ wörtlich erfüllt werden kann? Als ignoranter Fan nur eines Vereins interessiert mich zwar in aller Regel alles außer Bayern eher wenig, allerdings habe ich auch eine Schwäche für bewegte Bilder. Anbei also ein paar Vorschläge zum Füttern des DVD-Players*.

54 Fußballfilmtipps für spielfreie Tage
Es folgt eine Liste zumeist** sehenswerter Fußballfilme (Spiel-, Kurz- und Dokumentarfilme) und eine höchst subjektive, aber immerhin gerangfolgte Auswahl von zehn Angucktipps mit Bewegtbildern (zehn auch deshalb, weil ich nicht 50 Trailer raussuchen mochte). Die Liste ist sicher unvollständig und kann und darf von euch gerne ergänzt werden. Kritik an der Auwahl ist nicht nur erlaubt, sondern gewünscht.

Platz 10: Fifteen Minutes That Shook The World (The Untold Story of Istanbul) (Trailer)

Platz 9: Die besten Frauen der Welt

Platz 8: Kick it like Beckham

Platz 7: Referees at Work

Platz 6: Maradona par Kusturica

Platz 5: Frei:Gespielt – Mehmet Scholl: Über das Spiel hinaus

Platz 4: Once in a Lifetime: The Extraordinary Story of the New York Cosmos

Platz 3: Profis – Ein Jahr Fußball mit Paul Breitner und Uli Hoeneß

Link zum Trailer (Trailer leider nur auf Amazon gefunden und auch nicht einbettbar, wer was besseres hat: bitte melden)

Platz 2: Shaolin Kickers

Da der Film in der internationalen Fassung um fast 25 Minuten gekürzt wurde, darf ein Schnittbericht nicht fehlen.

Platz 1: Zidane: A 21st Century Portrait

Die 54 Filme in der Übersicht:
66/67 – Fairplay war gestern
Bloody
Footy

Das Rudel
Das Wunder von Bern
Der König der Mittelstürmer
Deutschland.
Ein Sommermärchen

Die Champions. Der Traum vom Fußball
Die Spielerfrauen
Die Wilden Kerle
Die besten Frauen der Welt
Die elf Teufel
Eine andere Liga
Eisern vereint (Trailer)
FC Venus
Fever Pitch
Fifteen Minutes That Shook
The World (The Untold Story of Istanbul)
(Trailer)
Flucht oder Sieg
Frei:Gespielt – Mehmet Scholl: Über das Spiel hinaus
Fußball ist sein Leben: Jimmy Grimble
Fußball ist unser Leben
Fußball wie noch nie – George Best
Gib mich die Kirsche: Die 1. deutsche Fußballrolle
Ginga – Die Seele des brasilianischen Fußballs
Goal – Lebe deinen Traum
Goal II – Der Traum ist real!
Goal III – Das Finale
HalbZeit – Vom Traum ins Leben
Hoffenheim – Das Leben ist kein Heimspiel
Hooligans
Kick It Like Beckham
La Vie, La Mort & Le Foot
Les yeux dans les Bleus
Libero (Trailer)
Libre Indirecto – Indirekter Freistoß (ansehen)
Looking for Eric
Maradona par Kusturica
Mean Machine – Die Kampfmaschine
Nordkurve
Offside
Once in a Lifetime: The Extraordinary Story of the New York Cosmos
Peladão – Elf Freunde und eine Königin
Profis – Ein Jahr Fußball mit Paul Breitner und Uli Hoeneß
Referees At Work
Shaolin Kickers
Spiel der Götter: Als Buddha den Fußball entdeckte
Substitute (Trailer)
The Damned United
The Final Kick
The Football Factory
The Other Final
The Two Escobars (Trailer)
When Saturday Comes
Wir sind dir treu
Zidane: A 21st Century Portrait

Wer noch weiter stöbern möchte: Liste der Fußballfilme – Wikipedia

*zumindest, bis 11mm vor Ort spielt (als Münchner ist man da wohl ab vom Schuss)
**zumeist, weil aus Chronistenpflicht z.B. auch die unsäglichen Goal!-Machwerke aufgelistet werden

Pavel Kuka

Der erste Mann, den ich liebte, hieß Pavel Kuka.

Das war ein Problem. Ich wuchs auf in einem kleinen Dorf am Fuße der Alpen. Es war ein beschauliches, gemütliches Nest, man kannte sich, nichts blieb der Nachbarschaft verborgen. Zwei Kneipen gab es dort, eine hieß ‘zum Löwen’, eine ‘zum deutschen Haus’, da gab es Spätzle, Hefeweizen und fragwürdige Meinungen über Adolf Hitler zum kleinen Preis. Außerdem ein Bäcker, ein Metzger, zwei Zigarettenautomate, ungfähr 3000 Kühe, macht drei Kühe pro Einwohner. Lange Zeit durfte man meine Kindheit eine glückliche nennen, denn ich kletterte auf Bäume. Mit dem gleichen Recht hätte man meine Kindheit auch eine unglückliche nennen können, denn ich konnte viel besser auf Bäume klettern, als von Bäumen herunter. Ungefähr sechzig Prozent besser. Viele Stunden verbrachte ich an dünne Äste gekrallt, meine zaghaften Hilferufe verhallten im Kuhglockengeläut, es war eine menschenleere Gegend. Weil Nordic Walking noch nicht erfunden war, kamen selten Menschen die Feldwege entlang, um mir aus meinen Wipfeln herunterzuhelfen. (Ich Idiot kletterte aus Prinzip immer nur auf Bäume, die kleine, unbedeutende Wege säumten.) Wie gesagt, es war eine idyllische Kindheit.

So ging das, bis ich unter Gleichaltrige kam. Wenn ein Haufen Gleichaltriger jenseits des dritten Lebensjahres aufeinandertrifft, erwacht in jedem einzelnen das Bedürfnis, sich abzugrenzen. Man beginnt, sich selbst einigen Gruppen zuzuordnen, die Soziologie hat dafür das Wort Othering erfunden. Beispielsweise nimmt man das Rollenverständnis eines Mannes an oder einer Frau, Playmobil oder Lego, Klettverschluss oder Schnürsenkel

Bayern oder Stuttgart.

Das ist traurig, aber ja: Mehr Alternativen gab es nicht in diesem Dorf. Alle waren entweder Bayern oder VfBler. Außer Knete, der so hieß, weil er immer Geld dabei hatte. Der wurde aus unerfindlichen Gründen 60er, obwohl sein Vater es mit Werder Bremen hielt. Später wurde er Alkoholiker, das kann aber auch eine Korrelation sein.

Ich war von alledem nichts. Wahrscheinlich hätte ich es leichter gehabt, wenn ich Bayer geworden wäre oder VfBler oder sogar 60er, wenn ich mich ein paar Jahre später der grassierenden SC Freiburg-Manie angeschlossen oder wenigstens Dortmund gut gefunden hätte. Ah, Lars Ricken! Ich hätte gar den obligaten Bravo-Kauf mit sportlichem Interesse rechtfertigen können.

Fußball interessierte mich nur gespielt. Damals war ich in einem Alter, da ich noch lieber selbst draußen kickte, als breitbeinig auf einem Sofa zu fläzen und altklug Passalternativen und verfehlte Laufwege zu analysieren. Ich war auch nie in einem Stadion, weil ich Stadien nicht mag, überhaupt Massenaufläufe schon immer hasste, auch jetzt noch, Aufläufe sind was für Gemüse. Ich mochte schon immer lieber die kleinen, verlassenen Sportplätze der Dorfvereine, worum zu Spielen 50 Mann standen, Bier tranken und Wurst aßen und geräuschvoll hinter das gegnerische Tor urinierten, um den Torwart zu irritieren.

Nichtsdestotrotz: Man musste einem Verein sein Herz schenken, und möglichst nicht dem FC Bad Saulgau. Fortwährend wurde ich gefragt, was ich denn nun „für einer sei“. Meine Großmutter, die Bairin ist und mich ermächtigt hätte, mit weit mehr Glaubwürdigkeit dem FCB anzuhängen als die meisten Eventfans, die man im Laufe seines dafür viel zu langen Lebens kennenlernen muss leider, lebte in der Pfalz, wo auch mein Onkel aufwuchs lange vor mir. Der hatte dadurch eine Schädigung davongetragen, die ihn glauben ließ, es handle sich bei jenem Essig, den man aus den Weintrauben längs der Mosel keltert, tatsächlich um Wein, Saumagen sei gesund und Lautern ein respektabler Verein. Um die ersten beiden Irrtümer kam ich herum, aber leider antwortete ich einmal, als mir wieder diese Frage gestellt wurde, für wen ich sei, in Gedenken an meinen Onkel: Kaiserslautern.

Ich war damals überhaupt nicht für Kaiserslautern. Ich schaute noch nicht einmal Bundesliga, denn Samstag 15:30 spielten wir selbst meistens, und zur Sportshow saß ich im Sandkasten und tat so, als würde ich Burgen bauen, um nicht gestört zu werden, wenn ich mir in aller Ruhe ein paar Schäufelchen Erde einverleibte. Vermutlich bedingt durch die traumatischen Stunden in irgendwelchen Baumwipfeln, hatte ich eine mystische Beziehung zu all den Dingen, die wir Boden nennen, entwickelt: beinah wäre ich deswegen Geologe geworden. Glücklicherweise hielten mich ein paar andere, schwerwiegendere Traumata davon ab.

Zum Beispiel die Erfahrung, Lauterer zwischen Bayern zu sein. Bisher ein durchschnittlich beliebter Bub, machte mich mein halbherziges Geständnis auf der Stelle zum Leprösen. Sie hingen mir ein Glöckchen um, bauten mir als neue Bleibe eine Laubhütte an der unbefahrensten Zufahrtsstraße und bewarfen mich mit allerlei Obst. Oder bösen, hämischen Worten.

Zwei Möglichkeiten gibt es, auf gruppendynamische Ablehnung zu reagieren: Überassimilation oder Rebellentum. Überassimilation beispielsweise liegt vor, wenn als Türken geborene Deutsche, wohnhaft in Neukölln, die größte Flagge des Landes an ihr Wohnhaus hängen in der Hoffnung, der Rest der Republik würde ihnen mit weniger Ablehnung begegnen, nachdem sie bewiesen haben, dass sie den gleichen schwachsinnigen Unfug sogar noch besser können als ihre völlig verblödeten Mitbürger, die sich Fähnchen ans Auto schnallen und stolz sind, in einem Land zu leben, wo man sich endlich wieder Plastikfähnchen ans Auto schnallen darf. Ja, Leute, so geht Freiheit! Is klar.

Ich hingegen entschied mich für die alternative Variante: ganz so, wie von der Geselschaft ausgeschlossene Jugendliche der dritten Migrationsgeneration sich rückbesinnen auf die Werte ihrer Urgroßväter, besann ich mich mit doppelter Wut auf die Wahl meines Onkels. Und ganz so, wie jene Jugendliche wegen ihrer Perspektivlosigkeit und der daraus resultierenden Aggressivität immer zu den extremsten Übzeugungen kommen, wurde ich der fanatischste aller Fans, der anhänglichste Anhänger. Ich besorgte mir jedes verfügbare Spiel der letzten 30 Jahre auf Video, ich lernte den Radiokommentar zum legendären 7:4 gegen die Bayern auswendig, um immer ein passendes Gegenargument gegen jede Anfeindung zu haben, und ich hatte keine Angst mehr vor der Pubertät, weil ich mich darauf freute, bald schon so zu klingen und auszusehen wie Walter Frosch. (Es waren die 90er.) Hoffnungsvoll begann ich mit dem Rauchen, natürlich Reval, ließ mir die Haare wachsen und lieh mir bei Gelegenheit Omas Lockenstab. Leider blieb mein Bartwuchs spärlich.

Ich wurde Fan zu einer glücklichen Zeit, Lautern befand sich im Höhenrausch: Pokalsieger 1990, Meisterschaft 1991, ich lief mit breitem Brüstchen durchs Dörfchen. Nur eine Sache machte mir Sorgen: mir wollte partout keine Spielernummer einfallen, die ich hätte auf meinen Rücken flocken lassen können. Miro Kadlec? Der sah aus wie ein Metzgermeister und spielte entsprechend. Stefan Kuntz? Den mochte jeder, sogar die Bayern. Martin Wagner, der Mann mit Eisenfuss und Bumskopf? Oder Ciriaco Sforza, dessen Tränendrüsen austrainierter waren als seine Adduktoren? Andi Brehme? Nein, ein Mensch sollte es dann doch sein.

Und dann kam Pavel Kuka, 1993 war das. Pavel Kuka sah nicht nur aus wie ein Igel, er spielte auch wie einer. Während die anderen durchs Feld jagden wie die Hasen, rollte er sich vorne gemütlich ein und wartete, hob die Hand und schrie: „Ich bin schon da!“ Und wenn dann schlechterdings jeder, Mit- und Gegenspieler, inmitten des Ackers zu Boden stürzte, Ciriaco Sforza vor Erschöpfung das Bratschen begann und Martin Wagner nur noch vom eigenen 16er Eck flankte, dann spazierte Kuka vergnügt übers Feld und erstolperte sich ein Tor. Oder zwei.

Der Mann entsprach meinen Idealen: er tat nichts und war damit vollkommen erfolgreich. Natürlich, Publikumsliebling wurde er damit nicht, dafür war dieser umgedrehte Wischmob mit Minipli zuständig, Olaf Marschall, in dessen Pornobalken sicher mehr Kleintier hauste als in den Baumwipfeln meiner Jugend. Dafür aber konnte Pavel Kuka sehr zurückhaltend verzweifelt dreinschauen, wenn ihm mal wieder der Ball vom Fuss sprang. Immer griff er sich dann in die Haare, was seine Frisur erklärt, und machte stumm den Mund auf. Schmachtend saß ich vor dem Fernseher und betete diesen Gott an, der selbst im Versagen derart gleichgültig blieb, dass er sich jeden Pathos verwehrte, dass er noch nicht einmal aufschrie, sondern nur stumm seine Goldkronen zeigte.

Was soll ich sagen: es waren die dutzendfach ausgelassenen Chancen, nicht nur gegen Leverkusen, durch die Pavel Kuka drei Jahre später den Abstieg in die zweite Liga besiegelte. Ich blieb ihm ergeben, den Fansein ist Schmerz und Treue, nicht Jubel. Danach fügte sich Pavel Kuka ein ins zweite Glied: denn für einen Meister der Lakonie, wie er es war, hatte Otto Rehhagel keinen Platz in seiner Elf, die er wie ein angespitzter Pfahl durch die Spielordnungen der Gegner jagte. Er spielte wenig, schoss noch weniger Tore, und war wohl der einzige, dem die preussische Zwangsdisziplinierung durch Rehhagel, den vermaledeiten Bismarck unter den Trainern, nicht anfocht. Sein Anteil am Titelgewinn nach dem Wiederaufstieg: überschaubar.

Er ging nach Nürnberg, wir verloren uns aus den Augen. Ich denke gerne an ihn zurück, gerade auch dieser Tage, wo der Starkult durch die Stadien und die Fernsehstationen fegt. Das ist eine Zeit, in der selbst Philip Lahm als notorischer Bildzeitungs-Busenfreund und somit Kackbratze per Definition als leuchtendes Vorbild und neuer Stern am Himmel inszeniert wird; in der der charakterfaule Ribéry als König in München aufgehängt wird, nur als Plakat allerdings, denn die Bayern tendieren nicht zum Monarchenmord; in der selbst das stupide Ellenbogengehabe eines Michael Ballacks lobende Erwähnung zuhauf findet – in solch einer Zeit ist man froh, ein Ideal gehabt zu haben, das nicht zum Idol taugte. Ein Stürmer, der spielte, als wäre er bekifft.

Ich klettere nicht mehr auf Bäume. Ich bin weggezogen aus dem Dorf. Kaiserslautern und ich, wir haben uns ein wenig entfremdet, wegen des Geldes. Und natürlich, weil mir die Bindung gefehlt hat, ich bin ja Lauterer aus Trotz geworden. Ich spiele nicht mehr, das Knie, sondern sitze auf Sofas und analysiere altklug Zweikampfverhalten und Spielsystem. Ich verschenke mein Herz nicht mehr fremden Männern, die ich ausschließlich aus dem Fernsehen kenne.

Und doch träume ich manchmal noch von Pavel Kuka. Und wenn ich aufwache, stehen mir die Haare zu Berg.

Wie ich mal mit Fußball Geld verdiente

Ich komme aus einer Zeit und Gegend, als und wo es noch Regionalzeitungen gab, die fürs Saisonvorschausonderheft Kreisligamannschaften detaillierter portraitierten als der Kicker die dritte Bundesliga. Ich glaube, das Lokalblatt lebte von seinem Riesensportteil, so wichtig wie es all den Dorfkickern war, dass auch die Freizeitsportgruppe von der TSG Bierbauch noch regelmäßige Spielberichterstattung bekam. Wenn all die Fußballer und ihre Familien und Freunde Abonnenten waren, müsste es ein leichtes gewesen sein, das Blatt profitabel zu betreiben. Andererseits war die Redaktion damit auch abhängig vom Wohlwollen der Leser. Die TSG bekam entsprechend ihre Artikel, der Mittelkreis schließt sich hier also.

Andererseits: Was wolltest Du auf dem Dorf auch anderes machen auf dem Feld der Körperertüchtigung? THW und Freiwillige Feuerwehr zählen nicht in diese Kategorie. Im Tischtennis waren die Nazis organisiert, im Tennisverein die Reichen, Basketball habe nur die Gymnasiasten gespielt und allzuviele Gymnasien gab es auf Distanz einer Tagesreise nicht. OK, die evangelischen Mädchen spielten Volleyball. Aber sonst: 22 Mann, ein Ball und der dicke Wirt der Dorfkneipe ist der Referee. Das war für alle da und es musste reichen. Wir hatten ja nix.
Glaubt mir nicht alles, ich romantisiere ein wenig. Ich komme nämlich auch aus einer Zeit und Gegend, als und wo es genug Geld gab, um in der Kreisliga A Spielern monatlich 300 Mark (West) zu zahlen, damit sie nicht im Nachbardorf kickten.
Ich war Gymnasiast und zu doof in die Beine für Fußball. Etwas später, unser elitärer Versuch im Dorfsportclub eine Basketballabteilung zu gründen, war gescheitert, war ich dann Student und in Geldnöten. So beginnen große journalistische Karrieren. Meine in der Sportredaktion. Die eigentlich nur über Fußball berichtete. Das war heikel, wussten doch einige in unserer kleinen Provinzwelt, dass ich davon aktiv überhaupt keinen Schimmer hatte. Und blasierte Studenten ohne Praxiserfahrungen an den Seitenlinien hatten einen schwereren Stand als zum Beispiel der Alkoholikerkollege, der immerhin mal aktiver Handballer war.
Aber egal. Mein ehemaliger Klassenkamerad, der in der zehnten Klasse vorzeitig abging, sich dann aber doch nicht zwischen Kaufmannslehre und Profisportlertum entscheiden konnte, wurde so auch im Rahmen dieser unseren neuerlichen Beziehung Spieler – Reporter nicht mehr mein bester Freund. Erst recht nicht, als er damals in der Landesliga auf der Bank sitzend ausgemustert wurde (von einem jetzigen Bundesligatrainer, die fangen ja auch mal unten an) und ich weiter meine Kohle mit dem runden Leder verdiente.

Und verdienen traf es. Im Schneeregen 90 Minuten plus Halbzeit plus Interviews am Gefrierpunkt den Notizblock zu füllen über Mannschaften, deren Taktik “zufällige Bogenlampen” war. Sonntagabends für den Ligenrundblick Ergebnisse und Spielhighlights telefonisch aus volltrunkenen Mannschaftskapitänen oder ebenso volltrunkenen Kaffvereinultras weit jenseits des Renteneintrittalters herausfragen. Pressekonferenzen mit zwei Kollegen und einem unmotivierten Trainer im Medienraum eines Bezirksligavereins zu einem 0:0, nur weil das örtliche Bauunternehmen für die glorreiche Zukunft schonmal ein echtes Stadion gebaut hatte und der Pressesprecher des Vereins größenwahnsinnige war, weshalb das alles nicht wie im Nachbarort vor den Kabinen stattfand, während die Jungs am alten Steintrog die Stollenschuhe unter einem rostigen Wasserhahn vom Grün befreiten.

Apropos grün. Mein schönster Job als Fußballreporter war ein Dientsjubiläumsportrait für einen Platzwart. Der Herr pflegte die Spielstätte eines Vereins, dessen Dorf mit seinen 500 Einwohnern zu klein selbst für die unterste Spielklasse war, weshalb sie einerseits nur mit Mühe und Legionären einen Kader für die erste Mannschaft zusammenbekamen und andererseits der Platz am Waldrand schon die ein oder andere Dekade nur in Stand gehalten wurde. Wo andernorts die örtlichen Gewerbesteuereinnahmen in regelmäßigem Turnus für neue Plätze (Kunstrasen!) oder zumindest eine moderne Drainage und neue Grasmatten sorgten, mühte sich hier der alte Platzwart ab.
Immerhin hatten sie ihm einen motorisierten Mäher zum Draufsitzen spendiert. Und ihm blieb bei all der Sisyphusarbeit gegen Wind, Wetter und Spielbetrieb noch ein Sinn für Kunst. Abends schaute er gern im Sportkanal die ausländischen Ligen und da begeisterte er sich für die Rasenpflege der Kollegen in Italien, Spanien, England. Die Rauten und Kreise auf den internationalen Spielfeldern hatten es ihm angetan. Besonders schöne Platzmuster mähte er dann anderntags auf seinem Acker nach.

Der Defaitist und die Zukunft

Dragoslav Stepanović. Mehr muss man eigentlich nicht sagen. Und das wars dann auch. Tschüss, bis neulich.

Ja, schon gut, ich will auch nicht als die Blutgrätsche der Urlaubsvertratung in die Annalen eingehen.

Ich blicke mal in die Saisonzukunft und muss mich zusammenreißen, um nicht einzuschlafen. Und Dragoslav Stepanovic steht immerhin für eine schöne, ruinöse, unsinnige, aber dafür auch total aufregende Zeit der Eintracht (schmunzel) aus Frankfurt. Wenn ich aber in diesen Tagen auf die nächste Saison schaue, dann kann ich da nicht von Freude oder Aufregung sprechen. Es läuft wahrscheinlich auf einen Platz im Mittelfeld hinaus. Es wird keinen Abstiegskampf geben, dafür mal so am 10. Spieltag ein kleine Zeit auf einem UEFA-Cup… Europa League-Platz, danach werden 7 von 10 Spielen verloren und es endet auf Platz 14. Gähn!
Ich Miesepeter. Damals aber, als die Eintrachtführung noch mehr so im Halligalli-Milieu angesiedelt war und Leute wie Andreas Möller (»Ich habe mit Erich Ribbeck telefoniert, und er hat zu mir gesagt, ich stehe für die Maltareise nicht zur Verfügung.«), Anthony Yeboah, Uli Stein und Uwe Bein eine Achse der Entzückung bildeten, da war noch Saft im Sack.
Und – wer erinnert sich nicht? -  1999, letzter Spieltag, 89. Minute, da macht der  Jan-Aage Fjörtoft einfach das 5:1 und ich sitze da mit Premiere ohne Bild und Radio und alleine in der Stube und wusste nicht, was ich machen sollte, also schrie ich aus dem Fenster und zwar vor Freude, denn das war der »Nichtabstieg«. Als Fan von Vereinen wie Vfl Bochum, Fortuna Düsseldorf und Kickers Offenbach, weiß man so einen Nichtabstieg noch zu schätzen. Der ist so wichtig wie für die Bayern die Schale am 34. Spieltag und ungefähr soviel Wert wie (Hahahaha) der Aufstieg in die 1. Bundesliga.
Aber was erzähle ich hier denn hier für einen mainstreamigen Schmonz der ambitionierten Leserschaft? Sorry, aber das macht es doch aus. Ich will gar nicht von den zwei Toren am Ende der Saison 2002/2003 sprechen. 6:3 gegen SSV Reutlingen mit zwei Toren in der Nachspielzeit, die dann erst den Aufstieg klar machten. Die Mainzer lagen sich schon feiernd in den Armen, da bei ihrem Fastnachtsbrunnen. Klar, zwischendurch mal fast in die Insolvenz gegangen, so mit weinenden Männern und so und dann doch noch über die Schippe gesprungen.

Das wird es so erstmal alles nicht mehr geben. In der nächsten Saison wird es langweilig mit der Eintracht. Die Finanzen sind im Griff, das Mittelmaß wird gehalten, Gekas schießt ein paar Tore und Skibbe wird auch diese Saison nicht mehr auf seine alte Frisur verfallen. Bayern wird Meister und zum ersten Mal seit 190 Jahren finde ich das auch noch nicht mal so schlimm. Ich mag die Bayern neuerdings. Ich weiß manchmal gar nicht, wie das kommen konnte, aber das System van Gaal gefällt mir. Schalke, ja, die können immer überraschen, aber der Galaktische wird am 15. Spieltag von van Bommel umgenietet und fällt dann bis zum St. Nimmerleinstag aus. Vielleicht wird Schalke Herbstmeister, aber naja… Kaiserslautern vielleicht als Überraschungsei und der HSV wird sich noch wundern. Wie so oft. Das ist mir aber alles herzlich wurscht. Die nächste Saison wird wie die WM: alles gut organisiert, ein paar Favoritenstürze, aber insgesamt langweilig. Dazu noch ein paar Trainerentlassungen (Armin Veh ist der erste, der gehen muss) und am Ende wird es weder bei den Absteigern noch oben richtige Überraschungen geben. Lest das hier mal Mitte/Mai 2011. Ihr werdet Euch noch wundern, was ich für ein Seher bin. Was macht eigentlich der KSV Hessen Kassel?