Archive for the 'zuhause' Category

Kleeblätter bringen kein Glück.

Fehlstart. Stotterstart. Das verflixte zweite Jahr. – Es gibt einige Begriffe, die momentan auf das sportliche Auftreten von Unions Profis passen. Zum ersten Pflichtspiel im heimischen Stadion herrschte eine gespannte Atmosphäre, die ganz dem Gewusel und aufgeregtem Geschnatter in den Berliner Schulen entsprach, wo am Samstag die Erstklässler eingeschult wurden. Nach dem Spiel musste enttäuscht festgestellt werden, dass auch dieses Jahr die gleichen Schwächen wie die Vorsaison bereithält. Und so bleiben zwei Wochen, um die richtige Taktik auszuknobeln, die gegen Paderborn den ersten Sieg bringen soll.

Podcast zum Spiel

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Bilder: Stefanie Lamm

Männer. Im Schmerz vereint.

Männer im Schmerz vereint

FCU2 : BFC1

Kommentar

Es lässt sich darüber streiten, ob es der Folgschaft des BFC Dynamo möglich war, Karten für das Spiel zu kaufen oder nicht. Es ging jedenfalls nicht ohne Gesichtsverlust, weswegen sich im Gästeblock etwa so viele Leute tummelten, wie Rainer Lüdtke und Sven Schlensog zusammen Haare auf dem Kopf haben.

Ich weiß nicht, wie es sich für eine Fußballmannschaft anfühlt, auf einen leeren Gästeblock zuzulaufen. Wohin jubelt und wem winkt man denn in solchen Fällen? Was soll ein 1981 geborener Torwart mit “Bodo Eierkopf”-Rufen anfangen, und wie mag der Schlachtruf “Die Mauer muss weg” von den jungen Spielern beider Teams aufgefasst werden?

Ränge und Rasen waren durch mehr als einen Zaun voneinander getrennt. Hatte das 8:0 vor fünf Jahren über die sportliche hinaus auch eine historische Bedeutung, war es schwer, in der Partie gestern mehr als ein durchschnittliches Oberligapunktspiel zu sehen. Die Mannschaft, die in weiß auflief, war nicht der übermächtige Serienmeister. Die Mannschaft in schwarz war kein Underdog. Die Verhältnisse haben sich in ihr Gegenteil verkehrt. Zu beweisen ist schon lange nichts mehr. Auch siebenköpfige Drachen werden nur einmal getötet.

Kleines Derby mit großem Fragezeichen

Die Wende ist beinahe 21 Jahre her. Die deutsche Einheit fast 20 Jahre. Beinahe die Hälfte seiner Geschichte als 1. FC Union Berlin hat der Klub im wiedervereinigten Deutschland verbracht. Die Spieler sind meist um die 20 Jahre alt. Ein nicht unbedeutender Teil der Anhänger kennt das Verhältnis zwischen dem BFC Dynamo und dem 1. FC Union Berlin in der DDR nur vom Hörensagen.

Im Punktspiel der fünftklassigen NOFV Oberliga-Nord trifft der 1. FC Union II auf die erste Mannschaft des des BFC Dynamo. In der 90. Minute trifft Marcel Hegert zum Sieg für Union. Ein ganz normales Punktspiel vor 1.821 Zuschauern? Mitnichten. Warum? Keine Antwort.

Die 90. Minute

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Bilder: Stefanie Lamm

Drachen, Boot und Rennen

Vom Müggelturm schweift der Blick über den Langen See hinüber zu Villen und Häusern von Rudervereinen vorbei. Herren, die sich nur der Ausübung des reinen Sports verpflichtet sahen, fuhren auf der Regatta-Strecke in Berlin-Grünau ihre Ruder- und Segelregatten, während die Damen sich herausputzten. Wenn die Union-Supporter vom “Eisernen Virus” zu ihrem Geburtstag zum alljährlichen Drachenbootrennen rufen, steht die Szenerie im krassen Widerspruch zur Gründungszeit der Sportanlage. Dann steht neben dem sportlichen Wettstreit vor allem der Spaß im Zentrum.

Schon beim Betreten der Anlage des 8. Union Drachenboot-Fun-Cups sieht es aus, als ob römische Feldherren ihre Lager aufgeschlagen haben. Fast jedes der 33 Teams hat sein eigenes Zelt am Ufer aufgebaut und wartet auf den Start. Auf der zu den Olympischen Spielen 1936 erbauten Tribüne lümmeln sich Unioner im Schatten, während die Drachenboote in der Sonne ihre drei Vorläufe über 200m fahren. Neben den vielen Fanklubs treten auch die Geschäftsstelle, das Nachwuchsleistungszentrum und die Betriebsgesellschaft des Stadions an. Wie viele Fans haben sich auch Teile der sportlichen Leitung die Nacht auf der Autobahn um die Ohren geschlagen, um am Rennen teilnehmen zu können.

Während das Team der Geschäftsstelle im ersten Rennen das Nachwuchsleistungszentrum noch knapp schlagen kann, verliert das Team im zweiten Lauf den Steuermann, der hinterherschwimmt. Präsident Dirk Zingler erklärt das Ergebnis kurzerhand zum Streichresultat und setzt sich im letzten Lauf selbst an die Trommel um den Takt vorzugeben. Einen solchen Wechsel hat die Stadionbetriebsgesellschaft nicht nötig. Ebenso wie auf der Stadionbaustelle hat Sylvia Weisheit auch hier die Männer im Griff und gibt mit einem Lächeln eisern das Tempo vor. Auf das sportliche Ziel beim Drachenbootrennen angesprochen, äußerte der Pressesprecher der Stadionbetriebsgesellschaft nur: “Das ist eine nichtöffentliche Gesellschaft.”

Die lockere und gelöste Atmosphäre auf dem Gelände mit einer schützenswerten Anzeigetafel erinnert an einen Familienausflug. Der Ehrgeiz der meisten Teams lässt sich an der Anfeuerung einer Trommlerin festmachen, die ihre Mannschaft mit “Los ihr Luschen!” ins Boot treibt. Zur Abkühlung wird einfach ins Wasser gesprungen. Und der Aufsichtsratschef Antonio Hurtado bereitet eine Paella zu. Manchmal wird der Blick in die Seele eines Sportvereins erst abseits vom Wettkampf klar.

Bilder: Stefanie Lamm

Von einem, der auszog, Fußball zu kucken.

Es gibt inzwischen ziemlich viele englischsprachige Texte, die sich mit dem 1.FC Union Berlin beschäftigen. Genannt seien etwa der Wikipedia-Eintrag von Richard Miller, die Blogs ludoeule.posterous.com und unionberlin.com oder die wöchentlichen Beiträge von Jacob Sweetman für den Exberliner. Einige der Genannten schreiben ausschließlich über Union, andere betrachten den Gesamtberliner Fußball. Um große Namen, Arenen und Hummermayonnaise geht es dabei kaum, es kann sich demnach nur um Fußball handeln, vermute ich. Deshalb habe ich Jacob Sweetman gefragt, was ihn eigentlich nach Köpenick gebracht hat. Er hat´s aufgeschrieben, und weil mein Englisch und sein Deutsch von vergleichbarer Brillanz sind, haben wir uns entschlossen, den Text genauso stehen zu lassen. Dass nach allem, was er im Fußball gesehen hat, sein bewegendster Fußballmoment der Blick in die Gesichter der Stadionbauer bei der Wiedereröffnung der neuen Alten Försterei war, versteht ihr sicher auch so.

von Jacob Sweetman

I was at the Alte Försterei on Wednesday for the press conference prior to the first match of the difficult second album, sorry season, in the 2nd division for FC. Union Berlin. The assorted members of the press eyed me suspiciosly. I can see them wondering if this scruffy looking bloke can even speak English, let alone German. What is he doing here?

Well, they may have a good question there. I moved to Berlin three and a half years ago as a drummer for a nominally successful English Rock and roll band who had given up to the dogfight. It was hard work certainly, and financially suicidal, but in Germany we were always treated well and almost, y‘know, respected as musicians so moving to Berlin seemed a pretty straightforward idea, the offer of work making the decision to up sticks easier to make.

Having written for a long time for the fantastic Ipswich Town fanzine „Those Were The Days“- I was 7 days old when Town beat Arsenal in the FA Cup final and have been stuck with them since- journalism always seemed like an excellent dying industry to add to my portfolio after fifteen years of watching record shops in terminal decline from within. It fit‘s perfectly well as someone who derives an almost sexual pleasure from construing tenuous links between the works of Willie Nelson and a bunch of overpaid blokes kicking a ball around. I eventually bullied the excellent Exberliner magazine to make me sportswriter, giving a platform to extemporise all the shit floating around my brain, with the Beatles Bsides and rules for crossing the road meeting up with the sight of Ruud Gullit playing as a very old man sweeper for Chelsea against Town in a league cup match, beautifully pinging pinpoint 50 yard balls to feet like he was a machine.

My frst visit to Köpenick was coincdentally Uwe Neuhaus‘s first league game in charge at Union, a 0-1 loss to Fortuna Dusseldorf in the Regionalliga Nord, my third a last minute 1-0 in a classic Berlin shitstorm of rain in the ultra exposed old Alte forsterei, when the weather was so miserable you couldnt make out the ecer present chimney stacks in the distance that lent the old place so much atmosphere. This was „against modern football“ like so manner baners across Europe were screaming, and I felt immediately at home. The contrasts with the bloated football scene in England where Manchester City would pass through the hands of a reviled dictator and Portsmouth would be led down the road to near extinction by the shady son of an internationally wanted arms dealer. My own team, Ispwich Town, for so long the epitomy of a local club with „roots“ were bought by a billionarie who has still never had his face shown in public- though his name adorns the stadium and the proud blue shirts.

In my time in Berlin I‘ve seen Hertha beat Hoffenheim at a time when they were marauding through the league to finish top at Christmas and I‘ve seen Türkiyemspor‘s triumphant end to last season when they miraculously stayed in the Regionalliga. I sat in front of Werner Lorant at his first game at Tennis Borussia and seen England beat Germany at the Olympiastadion surrounded by increasingly annoyed Dortmunders but nothing comes close to witnessing first hand the tears streaming down the faces of hundreds of ordinary looking men in red plastic builders hats as fireworks ripped the sky apart above the brand new Alte Försterei stadium that they had built themselves. A scene especially poignant to me as having lived in Brighton for ten years I knew how much home really means. The Seagulls‘ will finally have their own stadium a the start of next season for the first time in over 15 years as the old Goldstone Ground was sold off to make space for a Toys R Us.

What I have experienced, and hopefully will continue to, in German football is modern football with more than a wink to the past. As the numbers of English groundhoppers coming over here at weekends multiply like three dicked pigeons, it is strange to reflect on how the home of football has changed and priced out so many of thse who it is supposed to represent in the first place. At Ipswich there is a small movement called Section 6, trying to create a more European atmosphere in the library like silence of Portman Rd with flags and drums. It‘s a huge minority, but as English stadiums grow quieter and pricier it makes me realise how lucky I am here to be involved in such a vibrant football scene, even if my fellow members of the press dont understand a word I‘m going on about.

Danke Borussia, danke Hans Meyer!

Mein Namensvetter Jan auch berühmt berüchtigt unter dem Nick Skandal gibt sich die Ehre und schreibt das erste Mal für das Textilvergehen.  

Am Sonnabend den 7.August 15:30 schließt sich wieder ein kleiner Kreis in meinem Leben. Die Borussia aus Mönchengladbach ist zu Gast in unserem Schmuckkästchen.

Am 6.Februar 2001 gegen 20:00 kam ich zum ersten mal in meinem Leben in das Stadion “An der alten Försterei”. Damals war der VfL noch mein Verein. Dank des Onkels meiner Exfreundin, der sehr gut mit Hans Meyer befreundet ist, bekam ich noch zwei Freikarten über den damaligen Trainer der Gladbacher. Ich wollte “meine” Borussia siegen sehen und anfeuern.

Kurios an der ganzen Sache war, daß ich erstens kein Unioner kannte den ich mitnehmen konnte. Also ging ich mit einem Herthaner hin, der aber im Gegensatz zu mir klar für die Berliner war. Zweitens waren die Karten nicht für den Gästeblock sondern für die Waldseite. Na toll …

Ich war begeistert von der Atmosphäre im proppe vollen Stadion. Es war irre laut und Pyros brannten. Pyros sind ganz schick, wenn man weit weg steht und nicht direkt daneben. Aber ich war elektrisiert und nach ca. 15 Jahren war es toll wieder in einem Stadion zu sein. Aber so wirklich wohl fühlte ich mich bei den Ultras nicht. Einige Sprüche und Komentare gingen mir ziemlich auf den Zeiger.

Wie das mitreißende Spiel ausging wißt ihr ja. Ich war natürlich ziemlich geknickt. Trotzdem blieb die tolle Stimmung in meiner Erinnerung. Ich weiß nicht mehr genau wann, aber einige Wochen später war ich zum Punktspiel wieder da. Mein guter Kumpel Peking nahm mich mit, zu seinen Freunden auf die Gegengerade. Dort fühlte ich mich richtig wohl. Ich wurde von den Leuten super aufgenommen und natürlich gleich für das nächste Spiel verhaftet.

Nun stehe ich seit ca. neun Jahren immer an der gleichen Stelle und möchte kein Spiel mehr verpassen. Es ist nicht nur der Fußball, sondern auch die Leute die mich immer wieder zum Spiel verführen. Union ist eben eine Familie.

Danke Borussia, danke Hans Meyer!

Bodo, wink einmal!

Angefangen hat es bei Empor Berlin. Wie bei Marko Rehmer. Er wurde Nationalspieler und ich BWL-Langzeitstudent.

Ich war sieben Jahre alt und in der ersten Klasse einer DDR-Oberschule. Nur dunkel kann ich mich daran erinnern, dass eines Tages im Sportunterricht fremde Leute da waren und alle Kinder gemustert wurden. Bei anderen Jungen aus meiner Klasse fielen Schlagworte wie „Eiskunstlaufen“, „Boxen“ und bei mir sagte einer „Fußball“. Man hatte mich ein paar Sekunden lang angeschaut und in mir einen neuen Rainer Ernst gesehen. Kurz darauf, die Erinnerungen an die Zeit sind sehr verschwommen, fand ich mich im Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark wieder, wo direkt neben dem großen BFC-Stadion Schotterplätze lagen, auf denen die Jugendmannschaften von Empor Berlin trainierten und spielten.

So lange ich mich erinnern kann, war ich Mittelfeldspieler. Nach meinen eigenen Spielen bin ich jeden Sonnabend ins große Stadion gegangen, wo ich nach Spielbeginn kostenlos den BFC Dynamo anfeuern konnte. Das war toll. Ich konnte beinahe jedes Wochenende die besten Fußballer der DDR sehen. Andreas Thom, Thomas Doll, Frank Rohde. Und Bodo “wink einmal” Rudwaleit.

Als der BFC 1988 FDGB-Pokalsieger wurde, durfte ich in der Halbzeitpause des Finals gegen Carl-Zeiss Jena im Stadion der Weltjugend mit meiner Mannschaft eine Viertelstunde lang vor mehreren Zehntausend Zuschauern spielen. Und nach dem Ende des Spiels lief ich auf dem Rasen herum und winkte fröhlich in die Kamera, vor der gerade Bodo Rudwaleit interviewt wurde.

Die Wende änderte an meiner Fußballkarriere nichts, aber meine Helden verließen mich. Die Bälle wurden besser und meine Töppen wurden teurer. Der BFC spielte nicht mehr lange im Jahnstadion, meine Vorbilder Andreas Thom und Thomas Doll gingen in den Westen und vom Fußball im Osten blieb nicht mehr viel übrig. Ich blieb meinem Verein treu und spielte weiterhin Woche für Woche auf Schotterplätzen oder holprigem Rasen.

Und ich wurde Bayern-München-Fan.

Als Andreas Thom von Bayer Leverkusen zu Celtic Glasgow wechselte, wechselte ich zu Fortuna Pankow. Einmal, ich war mittlerweile 15 Jahre alt, haben wir ein in einem Auswärtsspiel auf einem als Fußballplatz getarnten Kartoffelacker unseren Gegner mit 18:0 geschlagen. Nie habe ich in meinem Leben höher gewonnen. Neun Tore bereitete ich in diesem Spiel vor, selbst erzielt habe ich keines. Tore schießen war nie meine Stärke. Außerdem fand ich es schon immer schöner, einen Mitspieler so in Szene zu setzen, dass er nur noch den Ball im Tor versenken muss, als selbst den Abschluss zu suchen.

Bodo Rudwaleit ist mittlerweile Taxiunternehmer und feierte vorgestern seinen 53. Geburtstag, Thomas Doll ist Trainer in Ankara, Andreas Thom Trainer der U17 von Hertha BSC. Und ich bin mittlerweile 31 Jahre alt, Freizeitfußballer und habe in zwei Wochen mein erstes Punktspiel der neuen Saison.

Schwarzenbecks Turnhose

Ich nutz das jetzt einfach mal aus. Das mit den Zugangsdaten und so. Über Union schreiben ist ja gut und schön, aber das tun Steffi und Sebastian das ganze Jahr über, und ganz sicher weitaus kompetenter, als ich es jemals könnte. Statt dessen schreibe ich über das Textilvergehen, zumindest ein bisschen. Würden die beiden ja eher nicht tun.

“Textilvergehen. Was für ein Name. Großartig” war einer von zwei Gedanken, als ich erstmals hierhin stolperte. Als die damalige alleinige Hausherrin sich mit Veränderungen in der Fußballdarstellung befassen wollte. Der zweite, eng mit dem ersten verwobene, Gedanke lautete: “Ove Grahn!”

Ove Grahn? Denjenigen, die bereits wissen, was ich meine, danke ich für ihre Aufmerksamkeit. Hier kommt nichts Neues mehr. Für die anderen hole ich vielleicht ein bisschen aus. Ein bisschen zu weit, übrigens, wenn man ehrlich ist.

Diese Leidenschaft für unseren Sport ist ja nicht so ganz einfach zu erklären. Denen, die sie teilen -zumindest in Ansätzen-, natürlich schon, aber da ist es ja nicht nötig, den anderen eher weniger. Das ist grundsätzlich nicht weiter schlimm, vielleicht ganz im Gegenteil, sonst müsste man sich möglicherweise über noch mehr böse Erfolgs- und Eventfans oder auch Un-Unionisten echauffieren, anstatt sich dem Spiel zu widmen. Gleichwohl sind da natürlich Menschen, denen man gerne und bewusst einen gewissen missionarischen Eifer widmet, um sie für den Fußball zu gewinnen, ihnen eine friedliche Koexistenz abzuringen oder zumindest zu dem Punkt zu gelangen, dass sie unsere Leidenschaft verstehen, nachvollziehen, akzeptieren, würdigen oder was auch immer können.

Es gelingt selten, meiner Erfahrung nach. Naja, ich hab’s auch nicht oft versucht. Aber wenn, dann bin ich gescheitert. Und musste feststellen, dass ich selbst kaum in der Lage bin, meine Liebe zum Fußball zu erklären. Keine Sorge: ich will’s auch jetzt nicht versuchen. Aber wenn ich so über frühe Phasen unserer Beziehung nachdenke, kommen mir stets zwei Bücher in den Sinn, die sie geprägt haben: zum einen, für Eingeweihte wenig überraschend, Sammy Drechsels 11 Freunde müßt ihr sein, zum anderen, vielleicht nicht ganz so naheliegend, Harry Valériens Buch zur WM 1974.

WM 1974, klar. Happy End. Just another Erfolgsfan. Meinetwegen. In der Tat habe ich unter all den WM- und sonstigen Fußballbüchern meines Vaters just dieses eine mit besonderer Begeisterung immer wieder gelesen, das ein aus deutscher Sicht sehr erfolgreich verlaufenes Turnier beschreibt. Ob das der Grund war? Keine Ahnung. Vermutlich. In jedem Fall ist “gelesen” angesichts meines damaligen Alters ein großes Wort. Aber die Bilder…

Die sehr junge und ungeniert auf der Tribüne gähnende Stéphanie von Monaco, die Bemühungen der Helfer im überfluteten Frankfurter Waldstadion, Croys verdutzter Blick auf den von Rivelino durch die Mauer getretenen Ball, Maiers eher ungewöhnliche Abwehrhaltung bei Sparwassers Treffer, Billy Bremner verzweifelt vor dem leeren Tor, Ayalas christlich anmutende Haarpracht beim Kopfballduell, der furchteinflößende Jan Tomaszewski im polnischen Tor, Szarmachs Nasentampon, das Ballnetz am Malenter Ortsschild, der schottische Premierminister besucht seine nackt im Whirlpool sitzenden Spieler, Schöns vom Fernseher abfotografierter Jubel gegen Polen, Neeskens Luftstand beim Elfmeter, Cruyffs gelbe Karte zur Pause, Beckenbauers Blick nach vorn bei der Balloberung, Pelé und Uwe Seeler im weißen bzw. schwarzen Anzug mit den Weltpokalen in der Hand.

Mir scheint, ich schwelgte ein wenig. Verzeihung. Weiter im Text.

Schon bald konnte ich zumindest die Überschriften und die Bildunterschriften lesen bzw. hatte sie mir vorlesen lassen und kannte sie auswendig. Teilweise sind sie mir noch heute im Ohr:

“Tip und Tap, einfältig und fröhlich, warben nach dem originellen Worldcup Willie 1966 und dem liebenswerten Juanito 1970 für die WM”.

“Uli Hoeness flankt von der Torauslinie an Verteidiger und Torhüter vorbei. Solche Vorlagen müßten jedem Stürmer liegen”.

“Für Mark Spitz zu wenig, für Fußballer zuviel: Wasser”

“Die Spielführer konnten sich in ihrer gemeinsamen Muttersprache begrüßen, der Bayer Franz Beckenbauer und der Thüringer Bernd Bransch”.

“Trotz katzenartiger Gewandtheit und instinktivem Bewegungsgefühls können Torhüter Muama Kazadi und Ilunga Mwepu das vierte Tor der Jugoslawen nicht verhindern”.

“28 plus 29 = 57. Um ein Foul lagen die Schotten am Ende vor den Brasilianern, [...]

“Lachend gratuliert Dino Zoff seinem Bezwinger Sanon. 1141 Länderspielminuten blieb Italiens Torwart ungeschlagen. Ausgerechnet ein Stürmer des Fußballzaungastes Haiti beendete diese Serie. Immerhin sei er nun wieder ein ‘normalsterblicher Torwart’ meinte Zoff nach dem Treffen”.

“Unterhaltung mit weiblichen Personen war erlaubt: Franz Beckenbauer mit einer schwedischen Journalistin”.

“Affen und Elefanten besichtigten Haitis Spieler im Tierpark Hellabrunn”.

“Das Spiel ist aus, man tauscht die Trikots, ein Brauch, der sich auf allen Fußballfeldern der Welt eingebürgert hat. Nur die Funktionäre der FIFA sahen den Strip-tease ungern”.

Vielleicht sollte ich zum Punkt kommen:

“Keinen Staffelwechsel proben hier Ove Grahn und Hans-Georg Schwarzenbeck. Nachdem der Schwede kein anderes Mittel kannte, den Sololauf des Deutschen zu stoppen, griff er nach dessen Hose. Für diese Textilbremse gab’s zu Recht die gelbe Karte”.

Textilbremse

Stimmt, eine Bremse ist nicht unbedingt ein Vergehen. Aber wer hat schon seine Assoziationen im Griff?
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Lieber Südwest Verlag (bzw. Random House), liebe Bildrechteinhaber bei Imago: ich war’s. Ich hab das Bild aus dem Buch abfotografiert. Nicht die Leute vom Textilvergehen, ehrlich!

Wie ich mir einmal einen Verein aussuchte, der sich mich aussuchte.

Steffi und Sebastian haben mich gebeten, mich in den bunten Reigen ihrer Urlaubsvertreter einzureihen – und wie könnte ich da nein sagen? Was sie nicht wissen konnten, war, dass ich mich als schlechter Gast erweisen würde und stundenlang plappern und plaudern würde. Tschuldigung.

„Man sucht sich seinen Verein nicht aus – Er sucht sich Dich aus“ – das ist das fußballerische Floskelequivalent zum Kennedy’schen „Frage nicht, was dein Land für dich, sondern was du für dein Land tun kannst.“ Der Verein – das ist etwas größeres als Du selbst es bist, er kommt über Dich, wenn er meint, der richtige Moment sei da und lässt Dir keine Chance.

Betrachte ich meine Verhältnis zu meiner ersten und ewig währenden fußballerischen Liebe, dem glorreichen 1. FC Köln, kommen mir da leichte Zweifel. In meiner früheren Kindheit war ich Klaus Fischer Fan. Leichte Sympathien gab es darob für Schalke 04, da spielte der Mann, der so viele und so schöne Tore schoss, aber eigentlich spielten Vereine in meiner Wahrnehmung keine Rolle, zu Hause wurde nur höchst selten die Sportschau angeschaltet. Als ich alt genug war, um zu verstehen, dass es irgendwie nicht genug war, einem einzigen Spieler die Treue zu schwören, war er schon der da, der Geissbock und sein Verein – kein Wunder, wuchs ich doch in Köln und Umgebung auf. Niemals würde ich behaupten, dass ich, wenn ich in sagenwirmal Stuttgart aufgewachsen wäre, heute nicht dem tollsten Verein der Welt, also dem 1. FC Köln, die Daumen drücken würde, aber so ganz und gar kann ich einem regionalen Druck und Bezug nicht von der Hand weisen.

Zeitsprung: Vielen Jahre später saß ich in Berlin, einige Jahre schon. Rundumversorgung via Bezahlfernsehen gab es noch nicht und so langsam begann ich zu süchteln. Einmal im Jahr Olympiastadion und wenige Auswärtsfahrten in nahgelegene Örtlichkeiten um den Effzeh zu sehen, war eindeutig zu wenig Livefußball. Und mit Live meine ich nicht Neunzig Minuten Fernsehen.

Was also tun? Zur Hertha gehen? Ins unpersönliche Olympiastadion, mit den Hertha-Fröschen, die gerne die gesamte Fahrt ins ferngelegene Charlottenburg Lieder über U-Bahnen sangen? Geht nicht, schon allein deswegen, weil mir Hertha immer eher unsympathisch war und in meiner persönlichen Berliner Realität gar nicht vorkamen. TeBe? Mit weiteren 200 Zuschauern so tun, als ob man Fußballfan wäre, wenn es in Wirklichkeit nur darum geht, dem eigenen politischen Gewissen zu frönen? Nein, tut mir leid – die politische Richtung liegt mir zwar nahe, aber in einem Fußballstadion möchte ich alt neben jung, dick neben dünn, Malocher neben Professor und links neben rechts stehen haben. Von letzteren wünsche ich mir zwar, dass sie verschwinden mögen, aber solange sie gesamtgesellschaftlich vorkommen und im Stadion ihren ungewaschenen Mund halten, kann und will ich sie nicht ausschließen.

Blieben also noch die Ostvereine. Zwar verfügte ich für einen Wessi über eine große Anzahl an Vor- und Nachwendeerfahrungen mit der DDR bzw. dem heutigen Osten der BRD, aber irgendwie waren sie kaum greifbar in meiner Wahrnehmung. Natürlich – der eine von den beiden in Frage kommenden war ziemlich bekannt, sei es als zweifelhafter Serienmeister der Achtziger oder als Sammelbecken von Hooligans und Glatzen nach der Wende. Aber nichts davon klang verlockend, im Gegenteil. Da schien selbst die in jenen Jahren sehr großkotzig auftretende Hertha noch anziehender.

Blieb also noch der Verein aus Köpenick, in diesem Blog gerne und zu Recht 1. FC Wundervoll genannt. Zufällig ergab es sich, dass sich just in dieser Zeit ein Freundeskreis entwickelte, dem schon manche Union Freunde angehörten. Eine Chance, wie gemalt, um mal hinein zu schnuppern. Als Einstieg diente das Pokalfinale 2001 – zugegebenermaßen ein einfaches Spiel im Kampf um meine Sympathie für den Underdog, der an diesem Abend nicht verlieren konnte, weder auf dem Feld noch in meiner persönlichen Meinungsumfrage. Aber nun gut, so ein Festtag kann zwar auch weniger sympathisch ablaufen, aber es ist eben „nur“ ein Festtag – im Fußballalltag musste sich erst beweisen, ob der Verein halten kann, was er versprach.

Der erste Spieltag der neuen Saison nahte, wie es das Schicksal wollte zudem noch der erste in der just erkämpften Zweiten Liga. Viel Gutes hatte ich schon gehört, und nichts davon erwies sich als gelogen.
Das Stadion an der Alten Försterei: Marode und wunderschön. Ein reines Fußballstadion ohne Komfortzonen. Die Stufen damals noch krumm und schief, auf der Anzeigetafel wurden die Ziffern gesteckt und niemand präsentierte das Eckballverhältnis. Die Stufen sind zwar inzwischen gerichtet, aber Eckballverhältnispräsentatoren gelten immer noch als Komparsen des Teufels.
Die Mannschaft: Spielte in jener Saison zwar einen ziemlich ansehnlichen Fußball – Vidolov zauberte Kunstschüsse aus dem Stutzen hervor, Beuckert schlug zwar jeden Abstoß ins Aus, hielt aber ansonsten hervorragend, Steffen Menze hatte schuld und zwar zumeist daran, dass die Abwehr zusammengehalten wurde, und am Rand stand der bulgarische General und kommandierte – aber beeindruckender noch war, dass selbst diese gute Mannschaft zeigte, dass sie wusste, was von ihr erwartet wurde: Sich nämlich im Notfall den Hintern aufzureißen und lieber die Grätsche anzusetzen als den zehnten Übersteiger hintereinander zu vollziehen.
Die Fans und die Stimmung: Ein Fest. Das ganze Stadion, von der Gegengerade bis zur Zuckertorseite sang, schwieg, summte und brummte, je nach Spielstand und Lust und Laune. Bis zum heutigen Tag, nach neun Jahren Union-Geherei, kann ich Sprechchöre für einzelne Spieler an einer Hand abzählen. Und, mindestens ebenso wichtig, an Pfiffe gegen die eigene Mannschaft kann ich mich nur in der Saison 04/05 erinnern, als der Zweitliga-Absteiger in die Oberliga durch gereicht wurde – anderenorts hätten sie vom Totschlagen gesungen, hier wagten es einige wenige zu pfeifen – nur um gleich vom Nachbarn böse Blicke zu ernten. Die Mannschaft als Ganzes ist das wichtige und niemals wird gegen die eigenen Farben gepfiffen. Der Geschichten gäbe es noch so viele, die erzählt werden könnten.

Vom ersten Tag an wusste ich, dass das Stadion an der Alten Försterei, dass Union und seine Fans Heimat sind. Zu Hause sein. Nie wird es Union gelingen, den 1. FC Köln vom Thron in meinem Fußballherzen zu stoßen. Das macht aber nichts, Union verzeiht mir das, so scheint es mir. Ich besuche derweil jedes Heimspiel (solange der Effzeh nicht zeitgleich im Olympia-Stadion spielt – aber die Gefahr ist ja erstmal gebannt) und fahr hin und wieder zu einem Auswärtsspiel, ob es in Lovech oder beim BFC Preussen Berlin stattfindet. Ich blätter im liebevoll gemachten Programmheft, das im Gegensatz zu den meisten anderen ein Programmheft ist und kein Werbeblättchen. Ich erfreue mich an der guten Musik im Stadion und dem Fehlen von Cheerleadern. Vor allem aber freue ich mich daran, dass all das egal ist im Moment des Anstoßes. Und ich dankbar sein kann, dass die Suche nach einer Alternative zum Konservenfußball viel mehr als nur eine Alternative ergeben hat. Natürlich, in einem gewissen Sinne habe ich mir Union ausgesucht. Aber im Grunde hatte ich nie eine Chance mich anders zu entscheiden.