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“Ich mache jetzt drei Tage Urlaub in der Türkei”

Das Poststadion in Berlin-Moabit ist ein geschichtsträchtiger Ort. Schalke holte hier 1934 die Deutsche Meisterschaft und zwei Jahre später der 1. FC Nürnberg auch. Zwischendurch boxte Max Schmeling im weiten Rund. Von diesem Ruhm und Glanz zeugt heute vor allem die Außenfassade, die wiederhergestellt wurde und die Tribüne, obwohl dort ein Großteil der Sitze abmontiert ist. Die Anlage fasst heute noch 10.000 anstatt der früher möglichen 45.000 Zuschauer. Dort, wor früher die Tribünen waren, stehen heute Bäume.

In diesem Stadion empfing in der ersten Runde des DFB-Pokals der Oberligist Berliner Athletik-Klub 07 den Bundesligisten 1. FSV Mainz 05. Verglichen mit den Sicherheitsdiskussionen anderer Spiele bestach die Organisation durch eine beinahe familiäre Atmosphäre. Am Haupteingang probierten sich ein paar Jungs im fröhlichen Wechsel der knappen Parkschilder. Auto fährt mit Parkschein auf das Stadiongelände, Parkschein kommt wieder zurück zum Haupteingang und so weiter. Kurze Zeit später riss aber einer Ordnerin der Geduldsfaden: “Das ist doch hier keine Familienfeier!” Und der Spuk war aus.

Die gescheiterte Verschmelzung mit dem Club Italia Berlino war kein Thema mehr. Auf dessen Geld war man nach dem überaschenden Berliner Pokalsieg gegen den BFC Dynamo nicht mehr angewiesen. Allein für den Antritt in der ersten Runde erhielt der Verein vom DFB die für einen Fünftligisten sehr stolze Summe von 113.000 € (100.000 € Antrittsprämie plus 13.000 € vom Pay-TV für den Heimverein). Der Verein hat sich umorientiert. Die Kooperation mit Ankaraspor in der Türkei ist Vergangenheit und war an diesem Tag nur auf dem offiziellen Mannschaftsbogen als Berlin Ankaraspor Kulübü zu lesen. Erst in der nächsten Woche wird die Rückbenennung in Berliner Athletik-Klub 07 durch das Amtsgericht offiziell werden. Aber der neue alte Name und Emblem sind bereits überall sichtbar. Auch auf den Trikots der Spieler.

Zwar befindet man sich als Zuschauer nur knapp zehn Minuten Fußweg vom Berliner Hauptbahnhof entfernt. Aber trotzdem war die Berliner Mitte ganz weit weg. Den Ehrengästen wurde türkischer Kaffee gereicht und beleibte türkische Männer küssten sich und hielten lange die Hand. Es waren ganz andere kulturelle Codes, die wichtig waren. Über allem stand die Improvisation für einen Verein, der zu einem normalen Ligaspiel etwa 150 Zuschauer empfängt. Zur Pokalrunde waren es für Berliner Verhältnisse gute 1.120 Zuschauer. In jeder anderen Stadt eine beschämend niedrige Zahl.

Zum Anpfiff war jedoch allen das gleiche wichtig: Fußball. Ein einfaches Spiel, das in beinahe jedem kulturellen Kontext funktioniert. Mainz nahm in der schwülen Luft die vorbereitete Rolle des Favoriten an, der pomadig und behäbig das leicht zu hohe Gras beackerte, während der BAK die Räume geschickt verengte. Unterhalb der Hauptribüne standen auf Stehplätzen die Anhänger des BAK und eine kleine Gruppe sang und trommelte unentwegt. Kinder wurden von ihren Vätern auf die hüfthohe Absperrung gesetzt, während Ordner gelangweilt auf Plastikstühlen saßen.

Und dann in der 37. Minute die Einzelaktion von Lewis Holtby, der einfach mal aus 18 m zentral vor dem Tor abzieht. Vom BAK war bis dahin offensiv kein Schuss zu sehen gewesen, der auf das Tor kam. Plötzlich schien es einen Ruck zu geben und nur eine Minute später köpfte der junge Fardjad-Azad an die Latte und kurze Zeit später noch einmal am Tor vorbei. Mainz wusste sich nicht anders als mit einigen Fouls zu helfen, die vom Schiedsrichter nicht sofort mit Gelb geahndet wurden. Dies sorgte auf der Tribüne für Unmut und es entlud sich eine türkische Schimpfkanonade, die gut hörbar mit “Schirie, hast Du keine Mut oder was?” endete.

Torhüter Stillenmunkes testete in der zweiten Hälfte zweimal seine Dribbelkünste gegen die Mainzer Stürmer. Auf der Tribüne wurde geraunt, ob er unbedingt in die Sportschau kommen wolle. Nach dem Spiel löste Trainer Foroutan das Rätsel auf: “In der Kabine bin ich laut geworden, sogar sehr sehr laut. Und ich habe meinem Tormann angeordnet, wenn er den Ball bekommt, durch die Beine des gegnerischen Mittelstürmers zu spielen. Und wenn dabei ein Tor fällt, dann sei ich daran schuld und nicht er.” Der Rest des Spieles folgte der Dramaturgie eines üblichen Pokalspiels. Holtby erhöht auf 2:0. Und dann kämpft der unterklassige Gegner sich heran und macht mit Keser, der Noveski aussteigen lässt, in der 83. Minute den Anschlusstreffer. Der Rest war Kampf und bereits etwas Krampf bei den Gastgebern. Ohne den erhofften Ausgleich allerdings.

Nach dem Spiel feiert die Mannschaft des BAK vor der Tribüne. Sie gibt die Welle. Und dann stehen Torhüter Stillenmunkes, Torschütze Keser, der vor dem Tor glücklose Fardjad-Azad und der Trainer zusammen. Sie gestikulieren und diskutieren. Keser hadert mit seinen Chancen. Plötzlich zeigt der Torhüter auf die Gegentribüne und sagt: “Trainer, ich muss mal zu meinen Fans.” Und rennt los zu einer allein feiernden Gruppe von vielleicht sieben acht Leuten. Ibrahim Keser, der nach seinem Tor einen Jubel zeigte, für den auch der ehrwürdige Kicker das Prädikat “Internationale Klasse” vergeben hätte, trauerte der vergebenen Chance hinterher. Auf die Frage, ob er die Nacht schlecht schlafen würde, antwortete er: “Weiß ich nicht. Ich fliege jetzt erst einmal in die Türkei, drei Tage Urlaub machen”.

Pressekonferenz mit den Trainern von BAK 07 und Mainz 05

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Bilder: Stefanie Lamm

Zweimal Berlin, bitte!

Kommentar

Manchmal hat man die Wahl:

Das Leipziger Zentralstadion, das seit kurzem nicht mehr so heißt, sondern anders. Der Hallesche FC gegen den 1. FC Union Berlin.

Das Poststadion in Moabit. Auch so eines, das man eigentlich unter Naturschutz stellen möchte, sehen doch seine Stehplätze im oberen Bereich dem Großen Tropenhaus nicht ganz unähnlich. Berliner Athletik-Klub 07 gegen den FSV Mainz 05.

Ersteres versprach, die interessantere Partie zu sein, letzteres der reizvollere Austragungsort.

Poststadion Gegengerade

“Ach, nehm´ ick do´zweema Berlin – bleib ick hier, und Union jewinnt in Leipzich.” Das war, was ich wunschdachte. Ich denke ja im Heimatdialekt. Darüberhinaus: Möchte man bei einem Spiel zu Gast sein, dessen gastgebender Verein selbst keinen Gedanken an die Organisation verschwendet und das gesamte Sicherheitskonzept vertrauensvoll in die Hände der Polizei legt? Jan Glinker hätte darauf vermutlich eine klare Antwort.

Berlin also. Und siehe da – versehentlich war es auch das bessere der beiden Pokalspiele.

Zu beschützen gab es hier höchstens die Polizei, und möglicher Weise den BAK-Trainer. Vor seinen eigenen Leuten nämlich. “Trainer, ist gut jetzt, mach mal ganz ruhig” rief ihm denn auch besorgt sein Torwart zu und dirigierte dann seinerseits die Mannschaft.

Der Rest war Fußball. Und so gehört das auch.

Wie ich mal mit Fußball Geld verdiente

Ich komme aus einer Zeit und Gegend, als und wo es noch Regionalzeitungen gab, die fürs Saisonvorschausonderheft Kreisligamannschaften detaillierter portraitierten als der Kicker die dritte Bundesliga. Ich glaube, das Lokalblatt lebte von seinem Riesensportteil, so wichtig wie es all den Dorfkickern war, dass auch die Freizeitsportgruppe von der TSG Bierbauch noch regelmäßige Spielberichterstattung bekam. Wenn all die Fußballer und ihre Familien und Freunde Abonnenten waren, müsste es ein leichtes gewesen sein, das Blatt profitabel zu betreiben. Andererseits war die Redaktion damit auch abhängig vom Wohlwollen der Leser. Die TSG bekam entsprechend ihre Artikel, der Mittelkreis schließt sich hier also.

Andererseits: Was wolltest Du auf dem Dorf auch anderes machen auf dem Feld der Körperertüchtigung? THW und Freiwillige Feuerwehr zählen nicht in diese Kategorie. Im Tischtennis waren die Nazis organisiert, im Tennisverein die Reichen, Basketball habe nur die Gymnasiasten gespielt und allzuviele Gymnasien gab es auf Distanz einer Tagesreise nicht. OK, die evangelischen Mädchen spielten Volleyball. Aber sonst: 22 Mann, ein Ball und der dicke Wirt der Dorfkneipe ist der Referee. Das war für alle da und es musste reichen. Wir hatten ja nix.
Glaubt mir nicht alles, ich romantisiere ein wenig. Ich komme nämlich auch aus einer Zeit und Gegend, als und wo es genug Geld gab, um in der Kreisliga A Spielern monatlich 300 Mark (West) zu zahlen, damit sie nicht im Nachbardorf kickten.
Ich war Gymnasiast und zu doof in die Beine für Fußball. Etwas später, unser elitärer Versuch im Dorfsportclub eine Basketballabteilung zu gründen, war gescheitert, war ich dann Student und in Geldnöten. So beginnen große journalistische Karrieren. Meine in der Sportredaktion. Die eigentlich nur über Fußball berichtete. Das war heikel, wussten doch einige in unserer kleinen Provinzwelt, dass ich davon aktiv überhaupt keinen Schimmer hatte. Und blasierte Studenten ohne Praxiserfahrungen an den Seitenlinien hatten einen schwereren Stand als zum Beispiel der Alkoholikerkollege, der immerhin mal aktiver Handballer war.
Aber egal. Mein ehemaliger Klassenkamerad, der in der zehnten Klasse vorzeitig abging, sich dann aber doch nicht zwischen Kaufmannslehre und Profisportlertum entscheiden konnte, wurde so auch im Rahmen dieser unseren neuerlichen Beziehung Spieler – Reporter nicht mehr mein bester Freund. Erst recht nicht, als er damals in der Landesliga auf der Bank sitzend ausgemustert wurde (von einem jetzigen Bundesligatrainer, die fangen ja auch mal unten an) und ich weiter meine Kohle mit dem runden Leder verdiente.

Und verdienen traf es. Im Schneeregen 90 Minuten plus Halbzeit plus Interviews am Gefrierpunkt den Notizblock zu füllen über Mannschaften, deren Taktik “zufällige Bogenlampen” war. Sonntagabends für den Ligenrundblick Ergebnisse und Spielhighlights telefonisch aus volltrunkenen Mannschaftskapitänen oder ebenso volltrunkenen Kaffvereinultras weit jenseits des Renteneintrittalters herausfragen. Pressekonferenzen mit zwei Kollegen und einem unmotivierten Trainer im Medienraum eines Bezirksligavereins zu einem 0:0, nur weil das örtliche Bauunternehmen für die glorreiche Zukunft schonmal ein echtes Stadion gebaut hatte und der Pressesprecher des Vereins größenwahnsinnige war, weshalb das alles nicht wie im Nachbarort vor den Kabinen stattfand, während die Jungs am alten Steintrog die Stollenschuhe unter einem rostigen Wasserhahn vom Grün befreiten.

Apropos grün. Mein schönster Job als Fußballreporter war ein Dientsjubiläumsportrait für einen Platzwart. Der Herr pflegte die Spielstätte eines Vereins, dessen Dorf mit seinen 500 Einwohnern zu klein selbst für die unterste Spielklasse war, weshalb sie einerseits nur mit Mühe und Legionären einen Kader für die erste Mannschaft zusammenbekamen und andererseits der Platz am Waldrand schon die ein oder andere Dekade nur in Stand gehalten wurde. Wo andernorts die örtlichen Gewerbesteuereinnahmen in regelmäßigem Turnus für neue Plätze (Kunstrasen!) oder zumindest eine moderne Drainage und neue Grasmatten sorgten, mühte sich hier der alte Platzwart ab.
Immerhin hatten sie ihm einen motorisierten Mäher zum Draufsitzen spendiert. Und ihm blieb bei all der Sisyphusarbeit gegen Wind, Wetter und Spielbetrieb noch ein Sinn für Kunst. Abends schaute er gern im Sportkanal die ausländischen Ligen und da begeisterte er sich für die Rasenpflege der Kollegen in Italien, Spanien, England. Die Rauten und Kreise auf den internationalen Spielfeldern hatten es ihm angetan. Besonders schöne Platzmuster mähte er dann anderntags auf seinem Acker nach.

Textvergehen

Jetzt kann man fragen: Wieso schreibt der denn auf Textilvergehen? Der Ausgang irgendwelcher Fußballspiele interessiert mich ungefähr so wie der Sieger der nächsten Big-Brother-Staffel. Schlimmer noch: Als ich mal jung war, so 13, 14, 1984, 85 war das, und mich eine zeitlang intensiv darum bemühte, Fußballfan zu werden (Teenager probieren ja jeden Quatsch mal aus), da war ich für den BFC Dynamo. In unserer Klasse war man einfach für den BFC Dynamo. Das lag nicht an unserer Systemtreue oder daran, dass unsere Eltern alle bei der Stasi gewesen wären, sondern an Mirko B..
Mirko war in der siebenten Klasse zu uns gekommen; eine Klassenstufe, an der er offenbar großen Gefallen gefunden hatte, da er sie bereits zum dritten Mal besuchte. Er hatte jede Menge Haare auf der Brust, er hatte bereits sexuelle Erfahrungen gesammelt (gut erinnere ich mich an seine Pausenreferate über die verschiedenen Brustformen, -größen und -konsistenzen seiner Partnerinnen), er hatte in einem Schuljahr mehr Tadel eingefahren, als unsere ganze Klasse seit der Einschulung – kurz: Er war die Referenzgröße für Männlichkeit und jedes Milchgesicht begann, nach seinem Vorbild  “AC-Blitz-DC” und “BFC Dynamo” in die Schulbänke zu ritzen, um die Zeit bis zum Beginn des Brusthaarwachstums möglichst männermäßig zu überbrücken (ich warte darauf immer noch, ritze aber nichts mehr in Schulbänke). Zweimal ging ich mit zu einem Fußballspiel. Ich erinnere mich noch an die Partie gegen die Luschen von Wismut Aue, die “wir” 4:0 nach Hause schickten. Dann bekam jedoch Steffen L. einen ZX81 geschenkt und nachdem ich auf dem mein erstes Basic-Programm zum Laufen gebracht hatte, war das Thema Fußballgucken als Freizeitbeschäftigung passé; wen interessierten schon Tore, Brusthaare und Mädchen, wenn man versuchte, “Space Invaders” nachzuprogrammieren!
Selber Fußball zu spielen war etwas ganz anderes, das hat mir immer Spaß gemacht, auch wenn ein erfolgreiches Spiel für mich darin bestand, beim Tiptop nicht als allerletzter in eine Mannschaft gewählt zu werden; auch wenn mir nach 3 Monaten bei StuNa (Stuck und Naturstein) Marzahn vom Trainer nahegelegt wurde, den Verein freiwillig zu verlassen. Aber damit war auch spätestens nach der Lehre Schluss – es gab keine Spiele nach Unterrichtsschluss mehr und einem Verein wäre ich nie wieder beigetreten.
Fußballfans waren für mich bedauernswerte Würstchen, die nichts Erfüllendes in ihrem eigenen Leben fanden und deshalb ihr Freud und Leid an den sportlichen Erfolgen einer letztlich willkürlich ausgewählte Gruppe fremder Männer festmachten, was ich ungefähr auf einer Stufe mit dem Lesen der Klatschpresse einordnete. Ob man nun heulte, weil irgendeine Mannschaft ein Spiel verlor, oder weil Prinzessin Pipapo von ihrem Prinz Pappnase verlassen wurde … wo war da der Unterschied, beides war Ersatzgefühl.
Umso erstaunter, um nicht zu sagen: schockierter war ich, als sich in den letzten Jahren immer mehr eigentlich ganz normale, freundliche, mir sehr sympathische  Menschen, die durchaus nicht auf Lebenssurrogate angewiesen waren, als Fußballfans entpuppten, darunter die werte Hausherrin des Textilvergehens. Seit einiger Zeit habe ich nun auch meine Versuche eingestellt, sie und all die anderen vom Fußballgucken abzubringen (was ich vor allem dadurch zu schaffen hoffte, dass ich ihnen Alternativen aufzeigte: den Kopf gegen die Wand hauen, ein Blatt Papier mit dem Bleistift ausmalen und anschließend wieder leerrradieren, solches Sachen eben).  Ich denke mittlerweile, dass eine friedliche Koexistenz möglich ist. Nur das Publicgeviewe muss aufhören und was Union angeht: Bitte nie wieder Spiele in der Alten Försterei an Wochenenden, an denen ich meine Mutter in Erkner besuchen will. Oder zieht euch wenigstens nicht so komisch an. Schals im Sommer, meine Fresse!

Gruß aus Frankreich.

Man kann sein, wo man will und tun, was man mag: selbst wenn man in Frankreich Goethe liest – Union lässt einen nicht los. Milan schreibt uns von unterwegs, und euch auch!

Auf einer Anhöhe vor dem Flusse Charante bei brütender Abendhitze, unter einem Walnussbaum und mit einer guten alten Steinmauer im Rücken lässt sich’s leicht entrückt fühlen. Schreiben wir das Jahr 1794?

Vielleicht ist hier gerade die Revolution durch, in Paris werden weiter Köpfe gehackt, in den Tropen Weimars gibt Goethe die ersten Bücher des Wilhelm Meister in Druck. Nein. Eine Ausgabe von 1988 hab ich ja auf dem Schoß. Ein Indiz, das mich in die Gegenwart zurück träumen lässt.

Darin lese ich etwas, das mich ganz aus den Träumen holt und die Erinnerung an das 1:0 gegen Bochum im Pokal wach ruft. Als Daniel Ernemann in der Schlussminute Wassilew anguckt , der ihm zunickt. Woraufhin Ernemann seinen Posten hinten verlässt, unbeachtet am Strafraum auftaucht und ihm der Ball durch göttliche Fügung, wir wollen das mal nicht Zufall nennen, vor die Füße rollt, von wo aus er das Ding mit aufreizender Lässigkeit (wie damals der Kurier schrieb) rein machte. Der Torpogo war nicht einmalig, aber wie immer unbeschreiblich.

Goethe hat mir auf das Heftigste diese und einige andere Szenen, eine mit Nikol, manche mit Texas u.ä., in meinem südwestfranzösischen Aufenthalt aufgedrängt, so dass ich meine, dieser Johann eisern von Goethe würde heute einen außerordentlichen Sportkommentator abgeben. Und ganz sicher wäre er Fan. Wahrscheinlich nicht von Motor Weimar. Da müsste mehr kommen, aber dann doch von Carl Zeiss Jena, wo er eine Zeit lang seine Freunde H.v.Humboldt, Fichte und Schiller besuchte – und als wahrer Weltgeist hätte er sicher die Kunde von Union aus der Hauptstadt offenen Herzens mit den üblichen Folgen aufgesogen.

Da aber damals der Fußball noch nicht mal in England zu Hause war, begeisterten sogar Seiltänzer die vor das Wirtshaus herbei strömenden Volksmassen, und endlich kann ich zum Zitate greifen:

“Narziß und Landrinette ließen sich in Tragsesseln auf den Schultern der übrigen durch die vornehmsten Straßen der Stadt unter lautem Freudengeschrei des Volks tragen. Man warf ihnen Bänder, Blumensträuße und seidene Tücher zu, und drängte sich, sie ins Gesicht zu fassen. Jedermann schien glücklich zu sein, sie anzusehn, und von ihnen eines Blickes gewürdigt zu werden.”

Hier horchte ich schon auf und war auf halben Wege an die alte Försterei, aber die nächsten Sätze katapultierten mich direkt auf meinen Stammplatz unten am Zaun auf der Gegengerade.

“Welcher Schauspieler, welcher Schriftsteller, ja welcher Mensch überhaupt würde sich nicht auf dem Gipfel seiner Wünsche sehen, wenn er durch irgend ein edles Wort oder eine gute Tat einen so allgemeinen Eindruck hervorbrächte? Welche köstliche Empfindung müßte es sein, wenn man gute, edle, der Menschheit würdige Gefühle eben so schnell durch einen elektrischen Schlag ausbreiten, ein solches Entzücken unter dem Volke erregen könnte, als diese Leute durch ihre körperliche Geschicklichkeit getan haben; wenn man der Menge das Mitgefühl alles Menschlichen geben, wenn man sie mit der Vorstellung des Glücks und Unglücks, der Weisheit und Torheit, ja des Unsinns und der Albernheit entzünden, erschüttern, und ihr stockendes Innere in freie, lebhafte und reine Bewegung setzen könnte!”

Ich sage in tiefer Verehrung DANKE, lieber Johann Wolfgang von Goethe, dass du mir meine vielen Stadionbesuche auf so kluge Weise begreifbar machtest. Und ich freue mich, das du uns dank meiner 40-bändigen Münchner Ausgabe als Autor erhalten bleibst.

Niemand kuckt gerne Fußball!

Von allen Menschen, die ich kenne, kuckt Volker Strübing am ungernsten Fußball. Von allen Menschen, die ich kenne, hatte er allerdings den weltbesten Trickfilm darüber gemacht. Wie Norbert schon sagt, “ist alles Gehirnwäsche – aber denkste, ich geh mit ungewaschenem Gehirn?” Wer Norbert ist? Na hier, passt ma uff:

Danke, Volker!

Spieltrieb.

Dass Daniel Schulz ein ruhiger Zeitgenosse sei, hatte Unions Pressesprecher Christian Arbeit angekündigt. Das scheint unter Innenverteidigern so üblich und kann zwischen norddeutsch-nassforsch, brandenburgisch-barsch bis westfälisch-wortkarg alles mögliche bedeuten. Daniel Schulz betreffend heißt ruhig aber vor allem: Besonnen. Ein aufgeräumter junger Mensch mit sehr viel Übersicht, klar definierten Zielen, einem hohen Maß an Selbstdisziplin und professioneller Distanz.

Seine ersten Spiele für den 1. FC Union bestritt er in der Saison 2004/05. Union spielte Regionalliga Nord, Marcel Rath trug die 18, Frank Lieberam war Trainer, Sebastian Bönig hatte lange Haare, die Auswärtstrikots waren grellorange, Jan Glinker löste Marco Sejna ab, Florian Müller galt als Hoffnungsträger und Tom Persich war nicht aus der Mannschaft wegzudenken. Fester Bestandteil der Herrenmannschaft wurde Daniel Schulz dann in der Saison 2006/07.

Die aufregendsten Überschriften, in denen er erwähnt wird, lauten sinngemäß “Ist Kapitän/Ist nicht Kapitän”, “hat sich verletzt”, “spielt U21-Nationalmannschaft” und seit Freitag “wechselt nach Sandhausen”. Auffällig war er in seinen Berliner Jahren einzig durch sportliche Leistung. Keine Cousinen, keine Whirlpools. Discoschlägereien, Frisurenwunder oder rätselhafte Tätowierungen: Genau null. Ein Sportler, der Präzisionsantworten auf Sachfragen gibt. Der Boulevard stürzt sich vor Langeweile aus dem Fenster. Ein jeder Sportjournalist weint heiße Tränen der Verzweiflung. Einen besseren Gesprächspartner, um realistische Auskünfte über den Traumberuf Fußballprofi zu erhalten, findet man nicht.

War Fußball eine bewusste Entscheidung von Dir, oder haben das Deine Eltern für Dich ausgesucht?

Ich wollte sogar noch früher anfangen, Fußball zu spielen – meine Eltern haben gesagt, warte mal noch, ein, zwei Jahre – aber als ich dann in der ersten Klasse war, haben sie mich beim VfB Friedrichshain angemeldet.
Man sollte immer darauf achten, dass das Kind die Eigeninitiative ergreift. Man sollte niemanden in eine Schublade stecken. Ich habe das auch mit meinem Bruder so beobachtet: Wenn die Väter da so am Spielfeldrand stehen und alles besser wissen und nur ihren Jungen zusammenstauchen, finde ich das schon ganz schön abartig. Der Junge sollte da hin gehen, Spaß haben, und die Eltern sollten sich total raus halten.

Wie ist der Übergang aus dem Jugendbereich in die erste Mannschaft, wie kommt man an, wie behauptet man sich?

Es ist schon ein ziemlicher Sprung, weil einfach viel athletischer gespielt wird. Du bist köperlich noch nicht auf dem Niveau, das man eigentlich braucht. Man ist ein bißchen naiv und denkt auch noch nicht darüber nach, seinen Körper zu pflegen, gewisse Kraftübungen zu machen, die aber wichtig sind. Für mich war der Sprung trotzdem relativ angenehm, weil wir damals “nur” in der Oberliga gespielt haben. Da ist der Unterschied weniger groß, als wenn du direkt in eine Zweitligamannschaft wechselst, und die Mannschaft hat mich damals toll aufgenommen.

Ist Vielseitigkeit dabei von Vorteil? Ich denke an Christoph Menz, der auf sehr unterschiedlichen Positionen spielt.

Das ist sicherlich eine Eigenschaft, die dich immer mal zu Einsätzen bringt, aber ich bin mir nicht sicher, ob es dich dauerhaft zu Einsätzen, also zu einer konstanten Saison bringt. Wenn Du immer nur hinten dran bist, einspringst, wenn einer ausfällt, ist das sicherlich eine gute Eigenschaft, aber man sollte auch ein, zwei Positionen wirklich gut spielen können und richtig beherrschen.

Wie sieht ein normaler Tag bei euch aus?

In der Saisonvorbereitung hast du am Tag zwei oder drei Trainingseinheiten und bist den ganzen Tag beim Verein. Du fährst frühmorgens hin, absolvierst die erste Trainingseinheit, und je nachdem, ob du weit weg wohnst oder nicht, fährst du in der Mittagspause nach Hause oder bleibst beim Verein, legst dich da schlafen. Manche Trainer schreiben das sogar vor, dass man da bleibt, weil die Regeneration immens wichtig ist. Dann gibt es die zweite Trainingseinheit, und man muss das Training auch vor- und nachbereiten. Das kann Massage sein, oder so – einfach, um wieder runter zu kommen. Danach fährt man nach Hause.

Wie vereinbart man den Beruf Fußballprofi mit einem Sozialleben? Wenn andere Leute am Wochenende ihre Familie sehen, steht ihr auf dem Platz, euer Urlaub ist knapp bemessen, und ihr könnt schlecht sagen: “Ich fahr jetzt mal sechs Wochen nach Brasilien”.

Das ist sicherlich der saure Apfel, in den man dann beißen muss – aber die Annehmlichkeiten überwiegen. Mal ist um 10 Uhr, mal um 14 Uhr Training. Über die Woche ist das ein ganz anderes Arbeiten als bei normalen Arbeitnehmern, die jeden Tag um 6 Uhr aufstehen, um 8 Uhr anfangen und um 16 Uhr Feierabend haben. Für mich ist Fußball da einfach geil.
Ich habe das damals angefangen, weil es mir Spaß gemacht hat ? du siehst die ganzen Profis und willst das auch. Du spielst halt, weil es dir Spaß macht, und über die anderen Sachen denkst du nicht nach.

Viele Leute, die auf dem selben Weg waren, haben aufgegeben, noch bevor sie eine Profikarriere angefangen haben. Aus ganz unterschiedlichen Gründen, weil sie etwa Musik interessanter fanden, oder sich lieber abends rumtreiben wollten, haben sie das Training schleifen lassen und sind dann aus dem Raster gefallen. Hattest Du solche Phasen?

Ich wollte schon immer Fußball spielen, das hat mich begeistert. Und irgendwann wird einem bewusst, spätestens, wenn man erfolgreich ist, dass es reichen könnte, um oben anzukommen. In dem Moment muss man sich entscheiden, und ich hab viele gesehen, die sich dagegen entschieden haben, weil sie es zu stressig fanden oder lieber eine Ausbildung machen wollten. Das war bei mir aber nie so. Ich wollte oben ankommen, und deshalb hab ich das auch immer so intensiv verfolgt.

Wie plant man die Karriere nach der Karriere? Plant man die überhaupt, und wird oder ist man darauf vorbereitet?

Ich habe mein Abitur gemacht. Ich bin der Meinung, dass es wichtig ist, dass man wenigstens ein Abitur hat und die Schule nicht abbricht. Ich würde wahrscheinlich versuchen zu studieren, aber ich hab ja bis dahin hoffentlich noch ein paar Jahre, darum denke ich jetzt noch nicht so intensiv darüber nach. Ich weiß auch nicht, ob ich später im Fußballbereich bleiben will. Wir werden aber nicht speziell darauf vorbereitet. Jeder muss für sich überlegen, was er danach machen will.

Neben Ehrgeiz und Selbstdisziplin braucht man die Fähigkeit, sich auf eine Sache zu konzentrieren. Hartnäckigkeit. Was sonst noch?

Ja, auch wenn viele das nicht so sehen, was der Fußballberuf mit sich bringt. Es steckt schon viel dahinter. Es sind sicherlich andere Arbeitszeiten, aber es ist auch ein stressiger Beruf, allein vom Kopf her. Man sieht das an der Sache mit Robert Enke. Das geht an Spielern nicht einfach so vorbei. Das ist sicherlich typabhängig, und an manchen prallt es ab, aber andere belastet es. Man muss einiges aushalten können.

Zum Beispiel, dass Dir sechs- bis zwölftausend Leute sagen, was sie von Dir halten – und zwar gleichzeitig. Wie geht man damit um?

Man nimmt das natürlich wahr, und es trifft einen auch, aber man sollte überlegen, wie man solche Sachen einordnet. Das hat ja teilweise nichts mit Fachkenntnis zu tun, das kommt aus der Emotion heraus. Da sollte man, und das macht auch jeder, oder sollte jeder machen, eine Art Schutzschild aufbauen und das auch ein bißchen an sich abprallen lassen. Man sollte aber auch selbstkritisch sein. Das gehört in dem Beruf dazu, dass man kritikfähig ist.

Was ich aber viel schwerer auszuhalten fände, wäre Zuneigung, oder eigentlich: vereinnahmt zu werden.

Damit hab ich kein Problem. Klar, sicherlich ist es ab irgendwann auch anstrengend, wenn eine Grenze erreicht ist, wo man sagt: Jetzt will ich meine Ruhe haben. Man muss nicht 24 Stunden am Tag in der Öffentlichkeit stehen. Das sind 90 Minuten am Spieltag, vielleicht ein bißchen länger, oder wenn man Leute am Trainingsplatz sieht. Ich mag die Leute, wenn sie Stimmung machen, anfeuern – das ist unglaublich. Aber ich muss nicht in der Öffentlichkeit stehen.

Fällt es dir schwer wegzugehen? Bei der Verabschiedung vor dem Spiel gegen Vitesse Arnheim hatte ich schon den Eindruck, dass Dich das angekratzt hat.

Sicher. Wie lange war ich jetzt hier? Neun Jahre.

Das ist lange, eigentlich.

Das ist sehr lange. Ich bin Berliner, absolut Berliner, und klar ist es für mich schwer, hier wegzugehen – vom Verein, aus der Stadt. So richtig verarbeitet hab ich das auch noch nicht, dass ich wegziehen muss. Ich bin bin ziemlich traurig darüber – aber das wird schon irgendwie.

Steven Ruprecht hat es, glaube ich, gut getan. Er ist ja auch nicht ganz freiwillig gegangen, aber sportlich hat ihn der Neuanfang in Ingolstadt weitergebracht. Kannst Du in Deinem Wechsel jetzt auch so etwas wie eine Chance sehen?

Ich hoffe es, und ich gebe natürlich alles dafür, dass es eine Chance für mich wird, dass ich mich wieder irgendwo reinbeiße und da etabliere, so wie es Steven auch gemacht hat.

“Fußballspieler sein ist wie eine einzige große Klassenfahrt”, sagt ein Freund von mir. Und wenn man sich die Kolumne im Berliner Kurier ansieht, die Torsten Mattuschka und Mathias Bunkus in diesen Tagen zusammen gemacht haben, findet man den Eindruck bestätigt.

Das gehört zu einer Mannschaft, und der Zusammenhalt, das Mannschaftsgefüge war bei uns immer etwas besonderes. Dass Späße gemacht werden, gehört einfach dazu. Man ist so eine Truppe, man ist nur unter Männern, und sicher ist es verdammt wichtig für eine Mannschaft, die vor allem über die Gemeinschaft funktioniert – im Spiel hilft es dir ungemein, wenn du so einen Zusammenhalt hast, Spaß hast, mit der Truppe zusammen zu sein, wenn du dich morgens einfach freust, okay, jetzt komm ich in die Kabine, und da ist die Stimmung gut; du kommst mit allen einigermaßen aus, machst teilweise viel privat mit denen. Das ist in anderen Mannschaften vielleicht nicht ganz so, und das war in diesem Jahr, oder vielleicht sogar in den letzten Jahren unser Vorteil, unser Plus, dass wir eine eingeschworene Gemeinschaft waren.

Bleibt da noch Raum für Leute, die sich gar nicht mit Sport beschäftigen oder bleibt ihr doch eher unter euch? Fällt man aus dem Gefüge nicht raus, wenn man zum Beispiel in der Reha ist?

Das denke ich eigentlich nicht. Es kommt natürlich darauf an, wo und wie lange man die Reha macht. Wenn man länger weg ist und die Leute erstmal gar nicht sieht, verliert man ein bißchen den Draht, aber das kommt ganz schnell wieder. Wenn Du wieder dabei bist, wirst Du wieder aufgenommen in die Gemeinschaft.

Ob man Freunde außerhalb des Sports hat? Bei mir persönlich relativ wenig, weil ich meine Freunde immer über den Sport kennen gelernt habe. Ich war auf der Sportschule, da ist das noch extremer. Ansonsten ist es bei mir die Familie, die mir viel Rückhalt gibt, die aber eben auch sehr sportinteressiert ist.

Wie nimmt man den Prozess der Auslese wahr? Merkt man, wenn man andere Sportler hinter sich zurücklässt? Und bleibt man trotzdem in Verbindung?

Es ist kein Maßstab für mich, ob die Leute, mit denen ich auf der Sportschule war, noch Leistungssport machen oder nicht, aber man verliert den Kontakt, auch zu denen, mit denen man sich gut verstanden hat.

Aber man ist natürlich stolz auf das, was man selbst geschafft hat. Und man hat die Vergleiche von damals mit Leuten, von denen man denkt, die hätten es auf jeden Fall geschafft. Die waren so viel besser, und jetzt ist man selbst derjenige, der es durchgezogen hat. Da sollte man auch stolz drauf sein, wenn man sich solche Ziele setzt.

Kannst Du Dir ein Leben vorstellen, wie es John Jairo Mosquera fährt?

Bei ihm ist das extrem, auch wegen der Sprache. Das ist nicht mein Anspruch, das möchte ich eigentlich nicht. Ich möchte versuchen, meine Verträge zu erfüllen, mich zu entwickeln ? ohne dabei zehnmal in zehn Jahren umzuziehen. Ich möchte jetzt etwas finden, wo ich wieder wachsen kann, mich etablieren.

Naja, manche werden Flugbegleiter, weil sie gerne unterwegs sind.

Nee, das ist nichts für mich. Ich muss das zwar jetzt machen, aber die Familie – die sind ja alle hier in Berlin, und die lässt du ja alle erstmal zurück. Ich meine schon, dass das wichtig ist, dass man die regelmäßig sieht und nicht nur telefoniert.

Angebot und Nachfrage

Diese beiden Anzeigen, die sich in der aktuellen Fußballwoche bei den Ergebnissen und Neuigkeiten der Kreisliga B finden, bieten die Chance, inne zu halten. Naheliegend, dass sich beide Inserenten zusammentun könnten. Aber in welcher Situation stecken beide? Und was sagen sie uns?
Zunächst der Verein, der sich in Nordberlin verortet, was alles nördlich von Mitte sein kann. Vielleicht Prenzlauer Berg oder doch weit in Pankow oder Reinickendorf? Vielleicht gibt sich damit auch der Nordberliner SC zu erkennen? Man wünscht sich mit dieser regionalen Einordnung einen Trainer, der in der Nähe lebt. Einen Trainer, der weiß, wie das Umfeld im Bezirk aussieht, in dem sich seine Spieler bewegen. Außerdem soll es ein neuer Trainer sein. Der Verein öffnet sich der modernen Trainingslehre. Aber die Regularien müssen gewahrt bleiben. Eine entsprechende Fußballehrerlizenz ist vorzuweisen. Da bereits jetzt schon für die kommende Saison gesucht wird, trifft der zu verpflichtende Trainer auf ein vorausschauend arbeitendes Umfeld. Der bisherige Trainer setzt sich vielleicht wie per Handschlag abgesprochen zur Ruhe.
Im Gegensatz zu dieser ruhigen Anzeige wirkt das Inserat des Trainers auf Vereinssuche laut. Der Leser kann ihn sich buchstäblich vorstellen, wie er an der Seitenlinie wütet und die Wasserflasche zu Boden wirft. Er brüllt die Spieler an, die er als unfähig schimpft und spricht dem Vereinsvorstand, der ihm diese Spieler vorgesetzt hat, jeglichen Sachverstand ab. Wahrscheinlich hat er sich gesagt: “Denen werde ich es zeigen!” Die Forderung “mit realistischen Zielen” zeigt, dass die Wut noch nicht verraucht ist. Vielleicht wurde er gerade entlassen, weil ein Saisonziel nicht mehr zu erreichen war. Der Schlag mit der Faust auf dem Tisch ist das Ausrufezeichen am Ende der Bedingung. Ein Mann der klaren Worte, der nicht lange herumredet und deshalb auf Chiffre verzichtet und Mobiltelefon und E-Mail direkt angibt. Ein Verein, der Zucht und Ordnung als Saisonziel ausgibt, der meint, die eigene Mannschaft sei ein Sauhaufen, der bekommt sicher einen hervorragenden Trainer.

1000 Tage Uwe Neuhaus

Uwe Neuhaus trainiert die erste Mannschaft des 1. FC Wundervoll mittlerweile 1.000 Tage. Aus diesem Anlass hat Mathias Bunkus ein langes und lesenswertes Interview geführt, das dankenswerter in voller Länge auf der Website des Berliner Kuriers nachzulesen ist.

Das Gespräch macht bestimmte Positionen des Trainers zum Beispiel bei der Informationspolitik klarer und erläutert auch die Beweggründe hinter solchen Entscheidungen:

Berliner Kurier: Man sagt Ihnen ja einen gewissen Kontrollwahn nach. Sind Sie zu Hause auch so ein Mensch?
Uwe Neuhaus: Kontrollwahn? Gegenfrage: Was wird denn hier so kontrolliert, dass es wahnsinnig erscheint?
Berliner Kurier: Womit wir ganz geschickt den Bogen weg vom privaten Bereich gekriegt haben … (Gelächter beidseitig) … Respekt!
Uwe Neuhaus: Okay, ne Frage beantwortet man nicht mit einer Gegenfrage, ich sage einfach, ich habe keinen Kontrollwahn. Ich empfinde es als normal, dass man gewisse Dinge regelt. Wir haben Spielregeln, wie man das auch in der Zusammenarbeit mit der Mannschaft vorgibt. Der eine ist da ein bisschen lockerer, andere sehen das strenger. Ich glaube schon, dass ich irgendwo in der Mitte liege. Ich bin davon überzeugt, dass die Dinge, die ich versuche zu kontrollieren, auch kontrolliert werden müssen. Wenn ich Spieler habe wie Mosquera, wie Glinker, die ein bisschen sensibel sind, das hinterlässt schon Spuren wenn auf einmal private Geschichten drin stehen. Oder nehmen wir Benyamina, als die angebliche Geschichte mit der algerischen Nationalelf aufkam. Wenn man dann die Zeiträume nach solchen Veröffentlichungen sieht, da vergehen Wochen bis bei denen wieder Normalform herrscht. Die sind mit ihren Gedanken völlig woanders. Da muss ich versuchen, das zu verhindern, diese Auswüchse zu kontrollieren. Das sind Gefahren, die Journalisten nicht sehen, nicht sehen können, vielleicht sogar sehen aber nicht beachten können, die als Trainer für mich aber schon eine Rolle spielen.

Das Gespräch behandelt Fragen nach der persönlichen Entwicklung des Trainers und seiner Zukunft, geht der Neugestaltung der Mannschaft auf den Grund und kommt am Ende zu einem Punkt, der seit Sonnabend wohl aktueller denn je ist: Dem Verhältnis zu Hertha BSC und einem kommenden Stadtderby.

Berliner Kurier: Sie haben jetzt den Ortsrivalen schon angesprochen. Glauben Sie es würde die Situation in der Stadt beleben, wenn es nächste Saison Derbys gibt? Derzeit deutet ja vieles daraufhin.
Uwe Neuhaus: Man kann das Thema ja schlecht ausklammern. Ich meine, ich wünsche niemandem einen Abstieg. Ich kann und werde da auch gar keine Häme entwickeln. Das ist nicht meine Art. Wenn es einer sportlich nicht geschafft hat, dann muss er halt den bitteren Gang in die Liga drunter gehen. Und ich bin überzeugt, wir haben es ja an den Zahlen gesehen, dass Hertha mit 42, Union mit 12 bis 13 Millionen, uns weit voraus ist. Und trotzdem, rein sportlich gesehen, dieses Derby alleine, diese Vorstellung, das hat ja schon was. Da wären Emotionen drin, das würde die ganze Stadt in Bewegung setzen, vom 2-Jährigen bis zum 98-Jährigen jeden faszinieren. Das wären sicherlich zwei ganz interessante Spiele.

Togo.

Eine gelungene filmische Gratwanderung vollzog der Eröffnungsfilm “Togo” des diesjähren Fußballfilmfestivals 11mm. Die beiden schweizerischen Regisseure beobachteten in ihrer Dokumentation die Menschen in Lomé, während die togolesische Mannschaft sich auf die WM 2006 vorbereitete und ihre Gruppenspiele bestritt. Dabei begleiteten sie einen arbeitslosen Journalisten, einen Geschäftsmann, der extra für die WM ein Lokal aufgemacht hat, und Fans, die teils vergeblich vor dem deutschen Konsulat auf Visa für den Besuch der Gruppenspiele warteten.

Eine Gratwanderung, weil die Kulisse und Improvisation im armen Viertel am Stadtrand geeignet ist, bestimmte europäische Afrikaklischees zu bedienen. Dem entzieht sich der Film, indem er auf eine Kommentierung aus dem Off verzichtet und die Akteure selbst sprechen lässt. So bekommt der Zuschauer einen unmittelbaren Eindruck von der Stimmung im Land nach den politischen Unruhen 2005 und der erstmaligen Qualifikation für eine Weltmeisterschaft: Hoffnung, Übermut, Enttäuschung, Wut, Resignation. Für ständige Lacher sorgen Voodoomänner, die vor jedem Spiel das Orakel befragen, einen Sieg der Togolesen vorhersagen und danach mit aberwitzigen Ausreden erklären, warum dann doch alles anders gekommen ist.

Der Film wird noch einmal am Mittwoch, dem 17. März 2010 um 20.30 Uhr im Kino Babylon gezeigt (Eintritt: 6,50 €). Die DVD kann direkt bei den Regisseuren bestellt werden.

Nach der Premiere stand uns Otto Pfister, der damalige Trainer der togolesischen Mannschaft für ein kurzes Interview zur Verfügung:

Im Film haben Sie die Stimmung in Togo gesehen, während Sie mit der Mannschaft hier waren. Haben Sie vorher damit gerechnet, dass es so hoch hergehen würde?

Ich habe das gewusst. Und das belastet einen natürlich auch. Zum Beispiel das mit der Mama Togo habe ich gewusst, weil ich immer auf dem Kontinent lebe, wenn  ich ein Engagement habe. Es gibt Trainer, wie den, der vor mir Kamerun trainiert hat. Die wohnen hier und gehen nur zum Spiel herunter. Das mache ich nicht. Ich habe eine Schwäche für diese Länder und ich wohne dort. Ich weiß, was dort los ist. Für die ist Fußball heilig. Das ist nicht wie hier in Berlin heute. Wenn da ein Spiel ist wie Hertha BSC gegen Nürnberg in einer solch großen Stadt. Dann sind alle im Stadion. Der Rest sitzt vor dem Fernseher oder am Radio. Da ist keiner auf der Straße. Das ist eine Religion. Und das ist schwer hier zu vermitteln.

Dazu kommt noch die Selbstüberschätzung. Sie meinen, sie treten an mit einer Infrastruktur, die Sie im Film sehen konnten. Und die Erwartung ist dann so, das sei jetzt überall genau so wie zu Hause. – Allerdings war das mit der Nationalmannschaft nicht ganz richtig dargestellt. Ich war ja mit den Jungs vier Wochen hier in Europa im Trainingslager in normalen Sportschulen. Wenn man dann sieht, dass es nicht läuft, gibt man auf. Als es dann losging mit dem Geld, haben die Spieler gestreikt. Ich habe gekündigt, als Adebayour zu mir kam und sagte: ‘Trainer, wir trainieren heute nicht. Wir haben noch keinen Pfennig Geld gesehen.’ Das war der Grund. Ich habe mit dem Präsidenten gesprochen und gesagt: ‘Sie entziehen mir die Arbeitsgrundlage. Zahlen Sie den Spielern das Geld, damit sie zum Training kommen.’ Dann ist die FIFA in Vorschuß getreten. Aber uns haben die zwei Tage gefehlt. Sonst wäre die Mannschaft auch in der Lage gewesen, die zweite Runde zu erreichen.

Waren Sie wieder aufgeregt, als Sie die Szenen der Spiele jetzt noch einmal gesehen haben? Wie haben Sie manche Schiedsrichterentscheidungen jetzt noch einmal wahrgenommen?

Wenn der Schiedsrichter vom Spiel gegen die Schweiz Englisch verstanden hätte, wäre ich für das, was ich ihm in der Halbzeit gesagt habe, von der FIFA für ein Jahr gesperrt worden. Einmal wird Adebayour heruntergerissen und einmal lässt Patrick Müller im Strafraum das Bein stehen. Aber das ist halt so.

Haben es afrikanische Mannschaften bei einem solch großen Turnier besonders schwer mit den Schiedsrichtern?

Ja. Aber dazu möchte ich mich lieber nicht äußern. Das ist kein einfaches Thema.