Archive for the 'nachdenken' Category

Wie ich mir einmal einen Verein aussuchte, der sich mich aussuchte.

Steffi und Sebastian haben mich gebeten, mich in den bunten Reigen ihrer Urlaubsvertreter einzureihen – und wie könnte ich da nein sagen? Was sie nicht wissen konnten, war, dass ich mich als schlechter Gast erweisen würde und stundenlang plappern und plaudern würde. Tschuldigung.

„Man sucht sich seinen Verein nicht aus – Er sucht sich Dich aus“ – das ist das fußballerische Floskelequivalent zum Kennedy’schen „Frage nicht, was dein Land für dich, sondern was du für dein Land tun kannst.“ Der Verein – das ist etwas größeres als Du selbst es bist, er kommt über Dich, wenn er meint, der richtige Moment sei da und lässt Dir keine Chance.

Betrachte ich meine Verhältnis zu meiner ersten und ewig währenden fußballerischen Liebe, dem glorreichen 1. FC Köln, kommen mir da leichte Zweifel. In meiner früheren Kindheit war ich Klaus Fischer Fan. Leichte Sympathien gab es darob für Schalke 04, da spielte der Mann, der so viele und so schöne Tore schoss, aber eigentlich spielten Vereine in meiner Wahrnehmung keine Rolle, zu Hause wurde nur höchst selten die Sportschau angeschaltet. Als ich alt genug war, um zu verstehen, dass es irgendwie nicht genug war, einem einzigen Spieler die Treue zu schwören, war er schon der da, der Geissbock und sein Verein – kein Wunder, wuchs ich doch in Köln und Umgebung auf. Niemals würde ich behaupten, dass ich, wenn ich in sagenwirmal Stuttgart aufgewachsen wäre, heute nicht dem tollsten Verein der Welt, also dem 1. FC Köln, die Daumen drücken würde, aber so ganz und gar kann ich einem regionalen Druck und Bezug nicht von der Hand weisen.

Zeitsprung: Vielen Jahre später saß ich in Berlin, einige Jahre schon. Rundumversorgung via Bezahlfernsehen gab es noch nicht und so langsam begann ich zu süchteln. Einmal im Jahr Olympiastadion und wenige Auswärtsfahrten in nahgelegene Örtlichkeiten um den Effzeh zu sehen, war eindeutig zu wenig Livefußball. Und mit Live meine ich nicht Neunzig Minuten Fernsehen.

Was also tun? Zur Hertha gehen? Ins unpersönliche Olympiastadion, mit den Hertha-Fröschen, die gerne die gesamte Fahrt ins ferngelegene Charlottenburg Lieder über U-Bahnen sangen? Geht nicht, schon allein deswegen, weil mir Hertha immer eher unsympathisch war und in meiner persönlichen Berliner Realität gar nicht vorkamen. TeBe? Mit weiteren 200 Zuschauern so tun, als ob man Fußballfan wäre, wenn es in Wirklichkeit nur darum geht, dem eigenen politischen Gewissen zu frönen? Nein, tut mir leid – die politische Richtung liegt mir zwar nahe, aber in einem Fußballstadion möchte ich alt neben jung, dick neben dünn, Malocher neben Professor und links neben rechts stehen haben. Von letzteren wünsche ich mir zwar, dass sie verschwinden mögen, aber solange sie gesamtgesellschaftlich vorkommen und im Stadion ihren ungewaschenen Mund halten, kann und will ich sie nicht ausschließen.

Blieben also noch die Ostvereine. Zwar verfügte ich für einen Wessi über eine große Anzahl an Vor- und Nachwendeerfahrungen mit der DDR bzw. dem heutigen Osten der BRD, aber irgendwie waren sie kaum greifbar in meiner Wahrnehmung. Natürlich – der eine von den beiden in Frage kommenden war ziemlich bekannt, sei es als zweifelhafter Serienmeister der Achtziger oder als Sammelbecken von Hooligans und Glatzen nach der Wende. Aber nichts davon klang verlockend, im Gegenteil. Da schien selbst die in jenen Jahren sehr großkotzig auftretende Hertha noch anziehender.

Blieb also noch der Verein aus Köpenick, in diesem Blog gerne und zu Recht 1. FC Wundervoll genannt. Zufällig ergab es sich, dass sich just in dieser Zeit ein Freundeskreis entwickelte, dem schon manche Union Freunde angehörten. Eine Chance, wie gemalt, um mal hinein zu schnuppern. Als Einstieg diente das Pokalfinale 2001 – zugegebenermaßen ein einfaches Spiel im Kampf um meine Sympathie für den Underdog, der an diesem Abend nicht verlieren konnte, weder auf dem Feld noch in meiner persönlichen Meinungsumfrage. Aber nun gut, so ein Festtag kann zwar auch weniger sympathisch ablaufen, aber es ist eben „nur“ ein Festtag – im Fußballalltag musste sich erst beweisen, ob der Verein halten kann, was er versprach.

Der erste Spieltag der neuen Saison nahte, wie es das Schicksal wollte zudem noch der erste in der just erkämpften Zweiten Liga. Viel Gutes hatte ich schon gehört, und nichts davon erwies sich als gelogen.
Das Stadion an der Alten Försterei: Marode und wunderschön. Ein reines Fußballstadion ohne Komfortzonen. Die Stufen damals noch krumm und schief, auf der Anzeigetafel wurden die Ziffern gesteckt und niemand präsentierte das Eckballverhältnis. Die Stufen sind zwar inzwischen gerichtet, aber Eckballverhältnispräsentatoren gelten immer noch als Komparsen des Teufels.
Die Mannschaft: Spielte in jener Saison zwar einen ziemlich ansehnlichen Fußball – Vidolov zauberte Kunstschüsse aus dem Stutzen hervor, Beuckert schlug zwar jeden Abstoß ins Aus, hielt aber ansonsten hervorragend, Steffen Menze hatte schuld und zwar zumeist daran, dass die Abwehr zusammengehalten wurde, und am Rand stand der bulgarische General und kommandierte – aber beeindruckender noch war, dass selbst diese gute Mannschaft zeigte, dass sie wusste, was von ihr erwartet wurde: Sich nämlich im Notfall den Hintern aufzureißen und lieber die Grätsche anzusetzen als den zehnten Übersteiger hintereinander zu vollziehen.
Die Fans und die Stimmung: Ein Fest. Das ganze Stadion, von der Gegengerade bis zur Zuckertorseite sang, schwieg, summte und brummte, je nach Spielstand und Lust und Laune. Bis zum heutigen Tag, nach neun Jahren Union-Geherei, kann ich Sprechchöre für einzelne Spieler an einer Hand abzählen. Und, mindestens ebenso wichtig, an Pfiffe gegen die eigene Mannschaft kann ich mich nur in der Saison 04/05 erinnern, als der Zweitliga-Absteiger in die Oberliga durch gereicht wurde – anderenorts hätten sie vom Totschlagen gesungen, hier wagten es einige wenige zu pfeifen – nur um gleich vom Nachbarn böse Blicke zu ernten. Die Mannschaft als Ganzes ist das wichtige und niemals wird gegen die eigenen Farben gepfiffen. Der Geschichten gäbe es noch so viele, die erzählt werden könnten.

Vom ersten Tag an wusste ich, dass das Stadion an der Alten Försterei, dass Union und seine Fans Heimat sind. Zu Hause sein. Nie wird es Union gelingen, den 1. FC Köln vom Thron in meinem Fußballherzen zu stoßen. Das macht aber nichts, Union verzeiht mir das, so scheint es mir. Ich besuche derweil jedes Heimspiel (solange der Effzeh nicht zeitgleich im Olympia-Stadion spielt – aber die Gefahr ist ja erstmal gebannt) und fahr hin und wieder zu einem Auswärtsspiel, ob es in Lovech oder beim BFC Preussen Berlin stattfindet. Ich blätter im liebevoll gemachten Programmheft, das im Gegensatz zu den meisten anderen ein Programmheft ist und kein Werbeblättchen. Ich erfreue mich an der guten Musik im Stadion und dem Fehlen von Cheerleadern. Vor allem aber freue ich mich daran, dass all das egal ist im Moment des Anstoßes. Und ich dankbar sein kann, dass die Suche nach einer Alternative zum Konservenfußball viel mehr als nur eine Alternative ergeben hat. Natürlich, in einem gewissen Sinne habe ich mir Union ausgesucht. Aber im Grunde hatte ich nie eine Chance mich anders zu entscheiden.

Sich mal freuen

Heute zu Gast im Reigen der hochamtlichen Urlaubsvertretungen, ein Text von Milan.

Meine gute Frau sagte Kopfschuß statt Kopfball, sie erwähnte auch, wie gut die Afrikaner spielen, sie schmeißen nur die Tore nicht rein. Das heißt, ich wunderte mich schon nicht mehr, wenn die Südafrikaner bei ihr, ganz ausversehen natürlich, Süßafrikaner heißen oder wenn sie fragt, ob es wieder eine Elfmeterschießerei gibt. Gerne erinnere ich auch an Gerhard Schröder, der damals, als er nur Bundeskanzler war, nach dem Pokalfinale gegen Schalke staatsmännisch anmerkte `Die Union habe gut gespielt…` und wir uns verbaten, von ihm in die Nähe von Schwarzgeldkofferaffären gebracht zu werden.
Letztens bestellte eine Freundin in ihrer Hast eine Rampingionschamsuppe. Nach einem kleinen hysterischen Lachflash korrigierte sie auf Champingionrahmsuppe um kurze Zeit später von Dirk Kaggles zu sprechen. Das gibt so Tage….

Darwins herausragende  Leistung, die evolutionäre Entwicklung der Natur überhaupt in Betracht zu ziehen, sie wissenschaftlich selbst gegen die dickköpfigste Wissenschaftselite zu etablieren, überzeugend darzulegen, dass Arten sich nicht nur entwickeln, sondern auch verändern können, möchte ich ebenso gerne feiern wie die simple Möglichkeit menschlicher Kommunikation. Ich sag was, Jemand sagt was zurück, ich sag wieder was und wenn Bier im Spiel ist, geht das stundenlang. Auch Dritte und Vierte können mitreden und wenn alle gesund bleiben, gibt es am nächsten Tag gemeinsame Erinnerungen. Das ist doch ungeheuerlich. Das Gehirn eines Menschen ist ein so kompliziertes Mysterium und doch ist es dem Gehirn eines anderen Menschen ähnlich genug, um Kontakt herzustellen. Auch wenn es mir eben nicht gelingt, meine Begeisterung genügend zu erklären, ich möchte mich manchmal einfach zurücklehnen und die allergewöhnlichsten Tatsachen feiern. Sich etwas erzählen zu können, Leute, sollte mal zwischendurch, vielleicht beim Frühstück, als wunderbares Wunder der Natur bewundert werden.

Wittgenstein bedeutete die Grenze seiner Sprache die Grenze seiner Welt, Heidegger nannte die Sprache das Haus des Seins und ich hielt sie lange lediglich für einen Ausdruck des Denkens. Karl Kraus aber behauptet, sie sei die Mutter, nicht die Magd des Denkens und die Bibel sagt.   ´Am Anfang war das Wort`. Mittlerweile glaube ich auch, dass die Sprache nicht nur das Denken beeinflusst, sondern sogar einigermaßen beherrscht. Das Schöne ist, wir müssen es nicht verstehen, wir müssen nicht mal darüber nachdenken, um loszulegen. Ich möchte nur, dass wir uns darüber auch mal freuen.

Das wir die Erdmeisterschaften Weltmeisterschaften nennen, ist eine normale menschliche Überhebung, wir wissen, was mit Welt gemeint ist, ein Planetilein, auch wenn wir von der Weltgesundheitsorganisation oder vom Welthandel sprechen und im August Sternschnuppen zählen und wir sind uns darüber einig und es begegnen uns im Alltag eine Menge Begriffe, die gelinde gesagt ungenau sind, ohne weh zu tun. Umgangssprache ist eine wunderbare Sache, Verschlampung eine Andere.

Also gibt’s neben dem Glück auch etwas anzuprangern. Was sich in Staat und Gesellschaft für Begrifflichkeiten breit machen;  allein der Stuss, der vom öffentlich- rechtlichen Qualitätsfernsehen transportiert wird, macht mich gelegentlich wütend. Ich möchte das dümmliche Politsprech nicht Sprache nennen, es sind zu viele Wörter unterwegs, die nur klingen sollen, je nach Berechnung beunruhigend oder verstörend, es wird kaum was erzählt, dafür aber viel bezweckt, verkauft und verdreht und es schleichen sich Worte in unser Denken, die es behindern. Selbst das sinnige  Wort ´Sozialhilfe´ heißt nun Hartz4, ein seelenloser technischer Begriff, ironischer weise nach einem mittlerweile als korrupten (Scheiß)Kerl anerkannten Person benannt.

Diese Gedanken zur Feier des Wunders müssen ohne Pointe auskommen, aber solange die Union gut spielt, mit Kopfschüssen Tore schmeißt und Elfmeterschießereien gewinnt, ist Vieles in bester Ordnung.

Ja. Nein. Vielleicht.

Am 22.8. findet in unserem Wohnzimmer ein Spiel statt. Ein beliebiger Verein aus der grauen Vorzeit genannt “Dieda” gegen unsere Jungs von der Zweeten.
Nun stellt sich für mich und möglicherweise auch für andere die Frage, hingehen oder nicht.
Na wattn!, wird da der gestandene Unioner sagen. Türlich hinjehen, wattn sonst?! Wir zeigen denen aus Hohenschönhausen wiedermal wo Bartel den Most holt, auf dem Platz und von der Lautstärke unseres Dy dy dy… allemal.
Mein kleines Herz sagt aus vollster Kehle ja dazu.
Wer, so wie einige von uns, mit der Abneigung gegen den Rekord-DDR Meister aufgewachsen ist, wer diesen ehemaligen Stasiclub, der ungebrochen zu seiner Tradition steht, schon damals mit Abscheu und teilweise blankem Hass gegenüber stand, wird vielleicht auch dies alles heute nicht vergessen haben. Dieda waren das sportliche Synonym für die Stasi und den ollen Staat und wir riefen: “Haut se, haut se immer auf die Schnauze! und politisch ambitionierter “Die Mauer muss weg.”
In der Nachwendezeit siedelte sich dann ein ordentlicher Teil aus deren Fanlagers offen rechts außen an, womit man bei mir auch keine Pluspunkte sammelt.
Dieda sind unser Widerpart wie kein anderer Club in der Geschichte unseres Vereins und wie es wohl auch nie wieder einen geben kann.
Was ist die Halbwertzeit für diese Gefühle und Erinnerungen?
Muss so etwas vorbei sein, wie es die ewig Gemäßigten einem immer wieder vorhalten, sobald man darüber redet?
Ich weiß es nicht.

Andererseits sagt mein Kopf dazu: 8:0 – abgehakt!
Wir sind weiter gegangen, haben in den letzten Jahren seit diesem Spiel viel erlebt und noch mehr geschafft.
Dieda aus Hohenschön dürfen nur noch gegen unsere Zweite ran, mehr ist da nicht mehr übrig vom Rekordmeister.
Im letzten Jahr haben sie glorreich den Aufstieg versemmelt und wenn nicht hin und wieder jemand über sie schreiben würde…
Wenn nun niemand von uns hingehen würde, wäre es genau die Beachtung, die sie verdienen. Gar keine! Auch schön.
Ein Argument, wie ich es von ein paar Herthanern hörte: Sie sind nicht zum Spiel gegen Dieda gegangen, weil sie denen kein Geld in den Rachen werfen wollten, nun zieht dieses bei uns nur fürs Rückspiel, doch da ganz besonders.

Also hingehen oder nicht? Ich weiß es immer noch nicht.

Doch da ich grad an die Vergangenheit denke, werde ich die Gelegenheit nutzen und die Frau grüßen, die mich zu Union gebracht hat, mit 7 Jahren. Danke Oma, du wärst heute Stolz auf den Verein.

Damit mache ich hier mal Schluß mit einem fröhlichen
Nu Sajaz pogodi! gen Hohenschöndraußen.

u.n.v.e.u.

It’s Derbytime

Im Pokal gelten bekanntlich eigene Gesetze. (In Derbys auch, setze ich mal hinzu). Dieser Satz fürs Phrasenschwein wird oft und gern zitiert, wenn vermeintlich unterlegene Fußballmannschaften den “Giganten” ein Schnippchen schlagen. Ich wünsche mir sehr, dass das Phrasenschwein nicht zuschlägt, wenn unsere Helden am 15.August in Leipzigs Rote-Brause-Arena in der 1. Hauptrunde des DFB-Pokals gegen den Regionalligisten Hallescher FC antreten. Ab der zweiten Pokalrunde allerdings, wenn dann hoffentlich rennomierte Klubs im Stadion An der Alten Försterei aufkreuzen, bin  ich sehr dafür, dieser Phrase wieder Leben einzuhauchen. Wir brauchen das Geld! ;)

Unser Stadtrivale aus dem Charlottenburgischen kennt das frühzeitige Ausscheiden im DFB-Pokal ja ebenfalls zur Genüge. Nun hätte man, vorausgesetzt beide Klubs überspringen die Hürden der ersten Hauptrunde (die alte Dame muss  immerhin einen weitaus beschwerlicheren Anfahrtsweg ins oberschwäbische Pfullendorf bewältigen), die Chance, in dieser Saison dreimal gegeneinander ran zu dürfen. Also, Strengt euch an!

Zwei Liga-Derbys sind uns aber gewiss. Für mich sind sowieso nur diese Begegnungen von Teams aus derselben Stadt richtige Derbys. Da mich die von vielen inflationär verwendete Begrifflichkeit nervt (das „Brandenburg-Derby“, das „Ost-Derby“, vielleicht schwafelt Herr Reif demnächst auch vom Deutschland-Derby, wenn zufällig Bayern und Schalke in der Champions-League aufeinandertreffen sollten, und warum war eigentlich Holland gegen Spanien nicht das Europa-Derby???) enge ich die Wortwahl sogar noch weitaus strikter ein, als manche Erklärungen es verlauten lassen.”Regionaler Bezug” ist sowieso sehr subjektiv. Was habe ich zum Beispiel mit Cottbus zu tun, wenn immer wieder vom „Berlin-Brandenburg-Derby“ palavert wird? Entfernung allein zählt sicherlich auch nicht. Fragt mal die Bremer, wenn die an die Elbe müssen.

Neenee, 1860 vs. Bayern, oder auch (immer wieder gern und in diesem Jahr in neuer Auflage) der HSV gegen den FC St. Pauli, das sind die richtigen Derbys. Und nun endlich auch der 1. FC  Union Berlin gegen Hertha BSC. Zwar nicht in der 1. Bundesliga, aber immerhin!

Bereits Mitte September,  am 4. Spieltag,  findet das erste Aufeinandertreffen in Köpenick, im Stadion An der Alten Försterei statt. Ausverkauftes rappelvolles Haus dürfte gewiss sein. Leider werden nur knapp 2.000 der Hertha-Anhänger dieses Spiel live verfolgen können, denn mehr gibt der Gästeblock nicht her. Und es ist zu erwarten, dass nicht allzu viele Tickets in den freien Verkauf gelangen, denn unsere Mitglieder und Dauerkartenbesitzer werden hundertpro ihr Vorkaufsrecht ausnutzen.

Das Rückspiel, dann im winterlichen Olympiastadion, wird für uns nach langer Zeit wieder einmal ein mit der S-Bahn zu erreichendes Auswärtsziel. Vorausgesetzt, die fährt dann auch.

Egal,  wir sind erfinderisch und flexibel! Da zu dieser Jahreszeit bestimmt nur wenige mit dem Fahrrad fahren werden, (insgeheim hatte ich ja auf einen fahrradfreundlicheren Ansetzungstermin gehofft, um dann eine rot-weiße Fahrradkarawane gen Westend zu geleiten) könnte man ja auf Schlitten und Skier umsteigen. Oder mit nem Eisbrecher bis Ruhleben. Und zur Not fährt ja auch die U-Bahn noch.      

Auf ein spezielles Derby kann ich in meinem weiteren Dasein getrost verzichten. Davon habe ich in den letzten 35 Jahren auch schon etliche, teils sehr dynamische,  erleben müssen, zuletzt im Mai 2006 in Hohenschönhausen. Ich denke aber, das hat sich inzwischen auch rein sportlich erledigt. 

Wir freuen uns jedoch auf zwei hochkarätige Zweitligaspiele gegen die Hertha!

Und am 22. August, wenn unsere Zweete in der Oberliga Nordost ihr Heimspiel gegen einen Verein aus dem Nordosten Berlins absolviert, dann sind wir alle da und passen auf, dass unser Wohnzimmer schön sauber bleibt. Auch für Gäste gilt: Bitte vor der Türe Füße abtreten!

Berliner Fenster

Später Nachmittag. Die U7 macht auf ihrer langen Reise von Spandau nach Rudow Halt am Fehrbelliner Platz. Monoton quält sich eine Stimme durch den Waggon: “Entschuldigen Sie die kurze Störung. Ich bin seit… Sie brauchen gar nicht so zu schauen. Mir macht das auch keinen Spaß. …wohnungslos und bitte um eine kleine Spende.” Die Fahrgäste wissen vor Hitze nicht, wohin mit sich. Gedanklich ist keiner mehr in der U-Bahn, sondern bereits im Urlaub. “Ach, ich habe da auch keinen Bock drauf!” sagt der um Almosen bettelnde Obdachlose und verlässt fluchend die Bahn. Das Warnsignal heult auf, die Türen schließen sich. Der Zug setzt sich und die Menschen in Bewegung.

Ein Kind schaut aus dem Fenster in den dunklen Schacht der U-Bahn. Ein anderes schreit. Regungslos daneben die Mutter. Bis ihr der Geduldsfaden reißt und sie das Kind im Kinderwagen festzurrt. Ziellos schwirren die Gedanken umher. Der Blick schweift. Nur nicht das Gegenüber ansehen. Wer sitzt, schaut nach oben in die, Berliner Fenster genannten, Monitore. Für echte Nachrichten ist kein Platz in diesen Meldungen, die selten mehr als zwei Sätze lang sind. Und doch lässt eine Überschrift kurz stutzen: “Neuhaus fordert mehr Tore von Savran”.

Halil Savran

Die Bahn hält wieder. Zeit, frische Luft und Gedanken hineinzulassen. Die Auflösung kommt in einer kurzen Meldung. Savran hat am Sonnabend sein erstes Testspiel für den 1. FC Wundervoll gemacht und dabei kein Tor geschossen. Ganz im Gegenteil: Er hat zwei großartige Chancen liegenlassen. Schade für ihn. Aber das ist noch kein Drama. Also alles im grünen Bereich. Die Fahrt kann weitergehen. Eine Schlagzeile, gratis für das Berliner Fenster am Sonntag: “Savran noch immer ohne Pflichtspieltor”.

Wie der Bierhoff sonst rüberkommt.

Südafrika. Keine Spiele. Die Journalisten müssen trotzdem Texte bringen. Da ist es prima, wenn sich der “Teammanager” der deutschen Nationalmannschaft, Oliver Bierhoff, eine halbe Stunde Zeit nimmt. Und so fragt Steffen Dobbert, der für die ZEIT vor Ort ist, via Twitter seine Leser: “Heute Mittag eine halbe Stunde mit Oliver Bierhoff. Jemand ne Idee, was wir den mal fragen sollten?

Später am Tag veröffentlicht Dobbert allerdings keinen Text sondern nur folgende lapidare Nachricht:

Zwei Punkte verwundern sehr. Die harte Linie der Autorisierungspraxis von Bierhoff oder dem DFB als solchen. Und zum zweiten die Begründung, die im O-Ton weitergegeben wurde (“Das ist der Bierhoff, wie er sonst nicht rüberkommt”).

Zur Autorisierungspraxis des DFB gibt es einen Text über den DFB-Pressechef Harald Stenger im WM Sonderheft der 11Freunde. Der gesamte Artikel “Der Problemlöser” von Tim Jürgens wirkt, als hätte die Autorisierung auch noch die letzte Kante glattgeschliffen und aus einem einfachen Artikel ein Bewerbungsschreiben für Harald Stengers berufliche Weiterentwicklung gemacht. Die katastrophale Erscheinung des Verbandes im Rechtsstreit zwischen Präsident Zwanziger und dem Journalisten Jens Weinreich oder im Fall Amerell-Kempter werden mit keiner Silbe erwähnt. Stattdessen wird im letzten Absatz die baldige Absetzung des Pressechefs mit Verweis auf Insidervermutungen als “Intrige einiger Funktionäre” bezeichnet.

Über Autorisierung sagt Stenger im Artikel: “Autorisieren kann nicht Zensieren bedeuten. Am Ende muss immer der Spieler wissen, was er sagt und ganz bewusst öffentlich machen will.” Diese Aussage wird konterkariert, wenn vorher eine Autorisierung eines Interviews von Philipp Lahm mit folgenden Tätigkeiten charakterisiert wird: “Es wurde diskutiert, gefeilt, gestrichen, ergänzt oder präzisiert.” Am Ende steht ein Text, den der jeweilige Interviewte gut findet. Aber ob der Journalist daran noch einen eigenen Anteil hatte, ist fraglich.

Wie Oliver Bierhoff rüberkommt? Oberflächlich topgepflegt. Sowohl was sein Äußeres als auch seine Darstellung angeht. Aber ein authentisches Bild erfährt man nicht. Dafür sorgt letzten Endes auch die Verweigerung der Freigabe eines Textes. Warum sich eine Zeitung wie die ZEIT einem solchen Diktat unterwirft und nicht einfach trotzdem den Text publiziert, wirft vor allem Fragen zum Selbstverständnis dieser Zeitung auf.

Ein Dank für den Hinweis auf die Nachricht von der ZEIT geht an Harald Müller von freitagsspiel.de.

Die ernsteste Sache der Welt

Fußball lebt angeblich davon, dass das Spiel so einfach ist. Und natürlich ist das richtig. Wenn das eigene Kind dem Ball hinterherjagt – nur darauf bedacht, diesen ins Tor zu schießen – bekommt man eine Ahnung davon. Und natürlich ist das falsch. Das fällt auf, wenn das eigene Kind beim Spiel eins gegen eins beständig “Abseits!” ruft. Das Spiel hat Regeln. Manche sind einfacher als andere. Vieles ist Auslegungssache. Und doch leistet sich der Fußball in seiner organisierten Form den Luxus, diese Regeln während des Spiels lediglich von Schiedsrichtern überwachen zu lassen und damit Fehler billigend in Kauf zu nehmen. Den Referees wird mit dem Argument der Tasachenentscheidung der Rücken gestärkt. Technische Hilfsmittel zur Erkennung und Bewertung von Situationen sind ihnen untersagt. Doch wie erleben Schiedsrichter ein Spiel? Wie gehen sie mit dem Brimborium um sich herum um? Dies versucht die sehenswerte Dokumentation “Referees At Work” darzustellen.

Ein ganz anderes Thema und daher auch eine ganz andere Argumentation: Doping im Fußball. Das bekannte Argument kann man bereits per Ausdruckstanz darstellen: “Doping im Fußball bringt nichts, da die Anforderungen an die Spieler viel zu komplex sind.” Das einstündige Feature des NDR “Außer Kontrolle. Doping im Fußball” zeigt anhand von vielen Beispielen wie sinnvoll der Einsatz von Dopingsubstanzen im Fußball ist. Danach ist man vielleicht nicht schlauer, weil die Netzwerke nicht aufgedeckt werden, aber man wird skeptischer und stellt sich Fragen. Wieso gleichen manche Gegner in der zweiten Liga wandelnden Kleiderschränken? Wie kann es sein, dass einzelne Spieler so exorbitant schneller sind als andere? Wieso ist die Regenerationszeit bei Verletzungen mittlerweile soviel kürzer als noch vor zwanzig Jahren? Wie werden aus den schmächtigen Jungs der A-Junioren und U23-Mannschaften solch muskelbepackte Profis?

Über allen Gipfeln Ist Ruh’

Theo Zwanziger hat sich als DFB-Präsident das eine oder andere Mal für sein Krisenmanagement kritisieren lassen müssen. Zuletzt im Fall Amerell/Kempter. Anschauungsunterricht für den Politikstil Merkel bekam er vom ehemaligen Kanzleramtsminister und heutigen Bundesinnenminister Thomas de Maizière. Auf Einladung des Ministers kamen am 23. April viele Vertreter ins Innenministerium, deren Aufzählung mit Titeln eine Reminiszenz an das Neue Deutschland und andere DDR-Zeitungen wäre. Neben dem Gastgeber und Theo Zwanziger, nahmen  unter anderem teil:

  • Christoph Ahlhaus, Vorsitzender der Innenministerkonferenz,
  • Reinhard Rauball, Präsident des Ligaverbandes
  • Christian Seifert, Vorsitzender der DFL-Geschäftsführung
  • Helmut Spahn, Sicherheitsbeauftragter des DFB
  • Jürgen Schubert, Inspekteur der Bereitschaftspolizei der Länder
  • Klaus Schlie, Vorsitzender der Sportministerkonferenz

Damit waren in Berlin tatsächlich alle versammelt, die etwas zum Thema zu sagen gehabt hätten (Gesamte Liste aller Teilnehmer). Natürlich ist das Fehlen der medial am stärksten wahrgenommen Gruppen, die Polizeigewerkschaften und die Fangruppierungen, ein Kritikpunkt der augenfällig ist. Zur Entkräftung wird auf die Teilnahme der Koordinationstelle Fanprojekte verwiesen, die allerdings keine Interessenvertretung von Fans ist, sondern hauptberuflich im Rahmen von Fanprojekten mit Fans arbeitet und zum Thema Fanarbeit berät, wie Michael Gabriel von der Koordinationsstelle auf Anfrage erklärt. Ob eine Teilnahme von Vertretern der Ultragruppierungen oder der Polizeigewerkschaften Sinn gehabt hätte, steht auf einem anderen Blatt. Allerdings ist ein Runder Tisch nicht rund, wenn die betroffenen Gruppen nicht ausgewogen und gleichberechtigt daran teilhaben können.

Ebenso wichtig wie die Teilnehmerliste eines Runden Tisches ist auch der Gesprächsinhalt. Während allerdings bei den Runden Tischen in der Wendezeit noch um Inhalte und die Verteilung von Macht gerungen wurde, kann man sich in der Nachbetrachtung des Runden Tisches zum Thema “Fußball und Gewalt” des Eindrucks nicht erwehren, dass es nur um den Austausch von Grußadressen und Worthülsen ging.

Thomas de Maizière:

Fußball ist ein großes Spiel und hat eine erhebliche Bedeutung in unserer Gesellschaft. Wir möchten uns miteinander verständigen und anstrengen, damit der Fußball weiterhin eine der größten Integrationskräfte unserer Gesellschaft bleibt. [...] Nutzen wir diese Botschaft heute – über den Fußball hinaus – gerade mit Blick auf den bevorstehenden 1. Mai als Aufruf an die ganze Gesellschaft: Schluss mit Gewalt! Das sollte heute unsere Botschaft sein.

Diskussionen? Streit? Differenzen? – Fehlanzeige! Stattdessen wird die anberaumte Pressekonferenz in den Saal der Bundespressekonferenz verlegt und erläutert, dass DFB und DFL den anderen Vertretern einen Zehn-Punkte-Plan vorgestellt hätten. Nähere Auskünfte,  was der Zehn-Punkte-Plan genau beinhaltet und wie die Reaktionen von staatlicher Seite darauf ausfielen, waren nicht zu erhalten. Sowohl der DFB als auch das Bundesinnenministerium verweisen in Anfragen auf den Initiator des Planes, den Ligaverband DFL. Von der DFL kommt der Hinweis auf die Pressemitteilung vom 19. April, die “sicher eindeutig genug” sei. Davon abgesehen, dass die Mitteilung der DFL vier Tage vor dem Runden Tisch veröffentlicht wurde, bleibt sie inhaltlich auch im Vagen. Zusätzlich bittet die DFL bei der Nachfrage nach Details des Zehn-Punkte-Plans um Verständnis: “[...] es wäre sicherlich nicht seriös, wenn wir vor Abschluß der Verschriftlichung unserer Beratungen voreilig und einseitig Stellung beziehen würden.” Wozu dann eine Pressekonferenz im Anschluss an den Runden Tisch anberaumt wurde, ist dann mehr als fraglich.

Einige Punkte lassen sich in den verschiedenen Pressemitteilungen identifizieren. Allerdings sind diese sehr allgemein gehalten:

  • Ab 2011 verzichtet die DFL auf die Austragung von Spielen um den 1. Mai. Für die darunter liegenden Ligen solle eine sorgfältige Prüfung der Spielansetzung stattfinden.
  • In den Vereinen sollen ein hauptamtlicher Fanbeauftragter und ein hauptamtlicher Sicherheitsbeauftragter eingestellt werden. Für die Vereine im DFL-Bereich ist das heute oft schon Realität. Ob das für andere Ligen auch gilt, ist unklar. Allerdings haben bereits jetzt schon Vereine in den Regionalligen Probleme, den vorgeschriebenen Sportdirektorenposten zu besetzen.
  • Intensivierung der präventiven Arbeit, wobei die Fanprojekte einen besonderen Stellenwert einnehmen würden. Auch hier fehlt jegliche Erläuterung der Phrase, die sicherlich jeder so unterschreiben würde. Wenn es allerdings um die Finanzierung der Fanprojekte geht, wird man sehen , was den Vertretern der Vereine, Verbände, Kommunen und Länder diese Arbeit wert ist.
  • Verbesserung der Kommunikationswege zwischen allen beteiligten Parteien. Noch eine Phrase, die erst mit Inhalt gefüllt werden muss.
  • Qualifizierungsoffensive. Dies kann sowohl Ordner als auch die eingesetzten Beamten betreffen. Was gemeint ist, wurde nicht erklärt.
  • Kontinuierlicher Dialog aller Beteiligten – vor allem von Fans und Polizei – unter Moderation der Liga. Ein interessanter Punkt, der allerdings wiederum durch PR-Sprech weichgespült und von jeglichem Inhalt befreit wurde.
  • Öffentlichkeitswirksame Maßnahmen für die Ächtung von Gewalt durch die DFL. Ob das mehr als ein bloßes Bannertragen von Profifußballern und das Verteilen von Klatschpappen sein wird, bleibt abzuwarten. Ebenso fraglich ist der Effekt solcher plakativen Aktionen.
  • Durchführung einer Studie zu den bisherigen Sicherheitsmaßnahmen durch die TU Darmstadt. Damit ist sicher auch die Evaluation der “Richtlinien zur Verbesserung der Sicherheit bei Bundesspielen” gemeint. Wann diese Studie fertig sein soll und wer daran beteiligt sein wird, wurde nicht bekannt.

Wenn der vage Inhalt des Maßnahmenpaketes bereits einige Tage vorher von der DFL, die von allen Beteiligten als federführend bezeichnet wird, veröffentlicht wird und nach dem Runden Tisch niemand etwas Konkretes dazu sagen möchte, lässt das vermuten, dass es nur um den Showeffekt ging. Bekannt ist das Prozedere bereits von den vielen Gipfeln, die vor allem unter der Kanzlerin Angela Merkel zum anerkannten Politikstil wurden. Bei öffentlichkeitswirksamen Themen wird zu einem Gipfeltreffen geladen. Dort werden gegenseitige Absichtserklärungen postliert und am Ende gibt es die passenden immergleichen Gipfelbilder. Inhaltlich bleibt es allerdings weiter nebulös und allgemein. Das macht es schwierig, die verfassten Ziele überprüfen zu können. Was der DFB-Präsident womöglich für sein persönliches Krisenmanagement vom Runden Tisch mitgenommen hat, wird man sehen, wenn er demnächst auch zu Gipfeln in die DFB-Zentrale nach Frankfurt einlädt.

Mehr zum Thema: Presseschau zum Runden Tisch (Koordinationsstelle Fanprojekte)

Weiterbildung

Wir waren in der letzten Woche auf der re:publica 2010 und haben uns unter anderem eine Veranstaltung angesehen, die mit dem Thema “Deutsches Fussball-Bloggen im Jahr der WM” warb. Dort ging es größtenteils um bestimmte Unsicherheiten, denen sich (nicht nur) Fußballblogger ausgesetzt sehen: Dürfen Vereinslogos zur Berichterstattung verwendet werden? Darf während eines Spiels das Fußballfeld photographiert werden? Wie sieht es mit der Einbettung von Videos aus Youtube aus?

Ein Ansprechpartner war der für “Internet” verantwortliche Vertreter der Presseabteilung von Hertha BSC, Robert Burkhardt. Und dieser sprach, dass eine Verwendung des Logos von Hertha aufgrund des Urheberrechtes im Internet nicht genehmigt werde. Der anwesende Rechtsanwalt Thorsten Feldmann relativierte diese Aussage, indem er darauf hinwies, dass der Schöpfer dieses Logos sicher bereits über 70 Jahre tot sei und das Logo damit gemeinfrei. Eine pauschale Untersagung mit Bezug auf das Urheberrecht muss also nicht gegeben sein. Der zweite Punkt ist der, dass die Verwendung eines Logos im Zuge einer Berichterstattung sicher nicht durch das Urheberrecht untersagt werden kann. Unsere Frage, ob der Kicker für seine Print- oder Onlineausgabe um Erlaubnis für das Abdrucken des Logos gefragt hat, wurde verneint. Gegen die Bild-Zeitung, die als Sinnbild des sportlichen Misserfolgs das Logo zertrümmert darstellt, werde nach Auskunft von Robert Burkhardt ebenfalls nicht vorgegangen. Hier gelten also zwei unterschiedliche Maßstäbe. Um Rechtstreitigkeiten aus dem Weg zu gehen, helfen uns zwei Dinge: Kommunikation mit den entsprechenden Personen, um Rechte zu klären und eventuell auftretende Streitigkeiten auf dem kurzen Weg ohne Anwalt zu klären. Außerdem Sorgfalt bei der Recherche.

Heute war wieder einmal zu beobachten, dass solche Herangehensweise nur funktioniert, wenn sie beidseitig betrieben wird. Die Axel Springer AG ging per Abmahnung gegen das Bildblog vor. Konkret ging es um einen Fehler in der Berichterstattung über eine Rüge des Presserates gegen “Welt Online”, der vom verantwortlichen Redakteur nach eigenen Aussagen nach ein paar Stunden korrigiert wurde. Trotzdem mahnte die Axel Springer AG ab. Die Abmahnung wurde sowohl an den Redakteur als auch an den Verantwortlichen im Sinne des Telemediengesetzes geschickt. Das erweckt den Anschein, als ob dadurch die Anwaltskosten künstlich erhöht werden sollten. Erhält man eine solche Abmahnung und unterschreibt die beigefügte Unterlassungserklärung, so ist man verpflichtet, der Gegenseite die  entstandenen Anwaltskosten zu ersetzen. Die Axel Springer AG macht Auslagen in Höhe von 2407,36 € geltend. Zusätzlich zu den eigenen Anwaltskosten des Bildblogs, versteht sich. Ob man sich, anstatt zu zahlen, auf einen Prozess einlässt, kommt angesichts der Macht des Gegenüber der Wahl zwischen Strick und Pistole gleich. Wie gesagt, es geht um ein Problem, das bereits behoben ist und sich im Zweifelsfalle auch mit einem Telefonanruf schnell erledigt hätte. Einen Reim auf diese Vorgehensweise mag sich jeder selbst machen.

Wir, die wir das Textilvergehen bisher als Hobby betreiben, möchten uns auf diesem Weg bei allen Verantwortlichen im Verein bedanken, die uns an vielen Stellen unterstützen und uns auch ihre Zeit widmen, wenn es nötig ist. Das gleiche betrifft auch die festen und freien Journalisten, die uns bei der Informationsbeschaffung nicht vergessen oder für Gespräche zur Verfügung stehen. Ganz besonderer Dank gebührt dabei Mathias Bunkus vom Berliner Kurier, der als Gast im Podcast mit Analysen  und Hintergrundberichten für einen erheblichen Mehrwert sorgt. Und nicht zu vergessen die Photographen rund um Union, die uns sehr oft Bildmaterial zur Nutzung im Blog überlassen. Danke.

Wie es sein sollte.

Fanfreundschaften sind die Freundschaftsbänder von Wolfgang Petry in den Fußballstadien des Landes. Gerne garniert mit pathetischen Sprüchen wie “In Treue vereint”. So kommt es, dass sich Anhänger von Hertha zu den Fans des Karlsruher Sportclubs in den Gästeblock stellen. Nicht aus lokalem Interesse und der Prüfung der S-Bahnverbindung für die (wahrscheinliche) Anreise in der nächsten Spielzeit, sondern aus Fanfreundschaft.

Mit Fanfreundschaft kann man das Punktspiel zwischen dem 1. FC Wundervoll und dem magischen FC am Sonnabend aber nicht erklären. Auch der mediale Wettbewerb, den die Fußballwoche bereits am Montag der letzten Woche ausrief, indem sie Florian Bruns fragte, welche Verein kultiger sei, bringt kaum Erkenntnis darüber, was das Besondere an dieser Begegnung ist. Ausgerechnet Sky hatte in seiner Übertragung aber einen Erklärungsansatz gebracht. Sie betonten das Aufeinandertreffer zweier Vereine, die sich trotz Kommerzialisierung ihre Identität zu bewahren suchen. Und: Respekt. So sprach der Kommentator des Fanradios von St. Pauli kurz vor Spielbeginn, dass man über Union durchaus diskutieren könne. Zur Atmosphäre im Stadion und dem Engagement der Anhänger beim Stadionbau könne man aber nur sagen: Respekt!

Zum Respekt gehört immer auch das Kennenlernen und Verstehen des anderen und damit das Aufbrechen der wagenburgartigen Wir-Identität, hinter der sich gerne verschanzt wird. Parolen wie “Euer Hass ist unser Stolz” oder “Keiner mag uns – Scheißegal” illustrieren solch ein Verhalten. Reflexartig würde zum Beispiel das Vorspielgrillen am Freitag Abend mit Anhängern von St. Pauli, dem HSV, Babelsberg 03, FC Bayern und eben Union zum Risikogrillen erklärt werden. Aber es wurde ein Kennenlernen, das sich jenseits der transportierten unverrückbaren Grenzen bewegte. In Bildsprache übersetzt: Hamburger tranken Berliner Pilsner und Berliner Astra.

Der Sonnabend begann früh. Sehr früh. Bereits kurz vor neun Uhr sammelten sich reisewillige Anhänger der beiden Vereine gemeinsam am Anleger von Eddyline am Berliner Dom. Wer bis dato noch kein Gefühl dafür hatte, wie es bei der Verteilung der Dauerkartenanträge durch die Ultras St. Pauli dieses Jahr zuging, bekam beim Einstieg auf das Flaggschiff “Viktoria” eine Demonstration davon. Ab da regierte die Glückseligkeit. Entweder, weil man das erste Frühstück mit Bier und Wiener Würstchen einnahm und bis zum Kanzleramt schipperte, oder weil es die Möglichkeit gab, sich in Wechselgesängen mit den anderen Booten einzusingen. Das Herz von St. Pauli und Eisern Union.

Die Berliner Zeitung brachte die Polizeipräsenz rund um das Stadion auf den Punkt:

Das Szenario passte zu diesem Tag, an dem die Einstufung als Risikospiel durch die Deutsche Fußball Liga und die massive Polizeipräsenz wie Verschwendung von Steuergeld wirkte. Warum müssen Fans derart bewacht werden, die sich mögen? Ach, hätten die Herren in Grün besser den Verkehrsabfluss geregelt, der chaotisch verlief, weil die Infrastruktur um das Stadion keine Spiele mit 19 000 Fans verträgt. So endete die Party im Stau.

Im Stadion: Anfeuerung der eigenen Mannschaft. Choreographien für das eigene Team von den Rängen. Kampf um die Punkte auf dem Platz ohne Nickeligkeiten und ausgiebiges Wälzen auf dem Rasen. Ein Stadionsprecher, der wie immer sein Herz sprechen lässt, als er erst die obligatorische Begleitung der Auswärtsfans durch die Polizei zum am weitesten entfernt liegenden S-Bahnhof samt 15minütiger Wartezeit im Gästeblock ankündigt, um dann hinzuzufügen: “Wer will, darf aber auch alleine nach Hause gehen.” Dem Gegner wurde mit Applaus nach dem Spiel nicht nur der Respekt für ein Fußballspiel bezeugt. Sondern ausgerechnet von der Waldseite, wo die Ultras vom Wuhlesyndikat stehen, bekam der unterlegene Gast Anfeuerungsrufe für die restlichen Spiele um den Aufstieg.

Und der ganze Tag hatte rein gar nichts mit Fanfreundschaft zu tun. Sondern es ging nur um viele Anhänger, die eine ähnliche Idee davon haben, wie sie Fußball erleben wollen.