Monthly Archive for Dezember, 2008

Abschied ist ein schweres Schaf …

… schrieb ich unlängst dem famosen Huck Haas. Ich hatte das im Radio gehört, weiß aber gar nicht, ob es wirklich gesagt wurde. Man liest ja auch manchmal was von Postknutschen und dem Strand der Dinge.

Abschied ist ein Wort so dramatisch wie das Augenmakeup von Johnny Depp in “Fluch der Karibik” und so theatralisch wie der Abgang des Oliver Kahn. Viel besser gefällt mir da die sportive Art von Herrn Wieland, sich ins neue Jahr zu verkrümeln. Kommt gut rüber, alle. War ein schönes Jahr mit euch. Tschüss, bis morgen!

P.S. Die Überschrift dieses Beitrags widme ich der schlagerliebenden Mrs. Augenring, die mir 2008 mehrfach durch Füttern das Leben gerettet hat (Hier! Brötchen! Schnappi!), die als Fotomodell in einem schwarzen Auswärtstrikot nur knapp an der ganz großen Karriere vorbeigesegelt ist, und die es als normale Menschin in einem fußballbekloppten Umfeld öfter mal nicht leicht hat.

Aus den Archiven (3).

Am 2. Dezember 1978 spielte Union zuhause gegen Sachsenring Zwickau, und im Stadionheft findet sich unter der Überschrift “Gefährdung durch Knallkörper” eine Notiz, dass “die Unsitte des Abbrennens von Feuerwerkskörpern in den Fußballstadien auch den 1.FC Union seit längerer Zeit beschäftige.”

Seit längerer Zeit!

Die Wikipedia sagt nun, dass Deutschland erst Anfang der 1990er von der Ultrá-Bewegung erreicht wurde und nennt hier zuvörderst die Fortuna Eagles aus Köln im Jahre 1986. Das Wuhlesyndikat ist also ausnahmsweise mal nicht schuld. Das möchte ich ausdrücklich festgehalten wissen.

Weil Verbieten bekanntermaßen selten zum Erfolg führt, wurde ein sehr lehrreicher Text hinzugefügt:

Erst kürzlich war in den Zeitungen zu lesen, daß Schüler der 9. und 10. Klassen in Halle und im Kreis Demmin beim Herstellen und Hantieren mit Knallkörpern schwere Verletzungen davontrugen. [...] Wir können nur hoffen, daß diese tragischen Unglücksfälle Unbesonnenen eine Mahnung ist.

1978. Wilde Zeiten.

Aus den Archiven (2).

Das Stadionheft als Bastelbogen zum Mitmachen. Auf der Rückseite konnten geneigte Publikümmer die Rückennummern ihres Teams eintragen.

Hier zunächst die So-Geht´s-Nicht-Version:

20081228_stadionhefte_002

So ist´s richtig, so ist´s gut, freundlich zieh´ ich meinen Hut. Aber mal im Vertrauen gefragt: haben die wirklich so gespielt?

20081228_stadionhefte_003

Für das Wort “Schiedsrichterkollektiv” beantrage ich Artenschutz.

Aus den Archiven (1).

Oberliga-Punktspiel am 26. August 1978, Union gegen Erfurt. Was man heute Stadionheft nennt, waren zwei auf Hälfte gefaltete, ineinander gelegte DIN-A4-Blätter, und man sagte “Fußballprogramm” dazu. Das Union-Logo ist 30 Jahre später immer noch unverändert. Nur sehen wir es heutigentags seltener in schwarzweiß.

Ganz schwummerig wird mir angesichts der Reklame im Heft. Ich hatte die DDR ja als weitgehend werbefreie Zone in Erinnerung. Man kauft eben, was es gibt, und bastelt sich selber, was es nicht gibt. Der Rest wächst im Garten. Zementsäcke und Kaffee sind gängige Währungen. Werbung also. Für einen Ladenhüter namens Jugendmode. Klingt nicht wie ein Markenname, war aber einer. Jugendmode war später mit einer Kosmetiklinie namens “action” verbunden, die rosa-schwarz kariert verpackten Nagellack im Sortiment hatte. Ich erinnere mich an eine Fliege, die lebend auf einer mit “action” gesprayten Fönfrisur landete und tot herunter fiel. Ich erinnere mich schrecklicher Weise sogar an den Namen der Frisurenträgerin.

Das Fußballpublikum fand Werbung schon damals scheiße, wie auf Seite 4 nachzulesen ist. Befragt, wie es sich die Gestaltung des Stadionheftes wünsche, antwortete es, es wolle statt dessen lieber Texte lesen. Die Redaktion schrub zurück, dass dies “bei der ehrenamtlichen Ausarbeitung der Manuskripte eine kaum zu bewältigende Mehrbelastung” bedeute. “Außerdem müssen wir auch etwas ökonomisch denken, denn mit Anzeigen wird das Programm finanziell gestützt.”

Einig waren sich Redaktion und Leser aber darüber, dass die Mannschaftsaufstellung auf die Rückseite des Heftes gehört. Und zwar nicht als Namensliste, sondern der taktischen Aufstellung entsprechend. “Die Form, die Spielernamen untereinander aufzuführen wird ausnahmslos abgelehnt.”

Achso, das Spiel ging gemäß handschriftlicher Notiz des Eigentümers auf dem Deckblatt des Programmheftes 0:0 aus. So war das, und nein: ich war nicht dabei.

20081228_stadionhefte

Nadine und Mario, ich danke euch für dieses Juwelenkästchen der Erinnerung!

Buchen sollst Du suchen.

Ich hab mir heute angesehen, wonach die Leute suchen, die das ***textilvergehen*** finden. Ich fürchte, ich habe noch viel mehr Mitmenschen entsetzlich enttäuscht, als ich bisher annahm.

Die am häufigsten verwendeten und auch halbwegs nahe liegenden Suchbegriffe sind (1) textilvergehen, (2) eisern union, (3) jan glinker und (4) kategorie c. Zumindest was (4) betrifft, gab es vermutlich lange Gesichter. Keine Kloppereien. Keine Videos von Kloppereien. Weg´ge Zähne, ab´e Ohren: Fehlanzeige. Nüscht, nüscht und wieder nüscht.

Die befremdlichsten Suchwörter waren (1) nivea tischkicker, (2) feindschaften waldhof mannheim, (3) boulettenrezepte, (4) wolfsburg ficken, (5) wolfsburg sterben, (6) schilddrüsen unterfunktion, (7) hooligan anziehsachen, (8) pornos für null. Ganz oben auf meiner Hitliste sind die (4) und die (7). Den Hooligan, der mit seiner Mutti in einen Laden namens Hoolywood schreitet, um dort Hooligan-Anziehsachen zu kaufen, den sehe ich so deutlich vor mir, dass ich ihn zeichnen könnte. Glücklich dürfte der hier allerdings nicht geworden sein. Wegen der (8) möchte sich bitte ein Herr Nico “Porno-Patsche” Patschinski in der Sprecherkabine melden, um die ganze Schuld auf sich zu nehmen. Ich hülfe auch beim Tragen.

Die unerfreulichste Eingabe in eine Suchmaske war ohne Zweifel “torsten mattuschka steffi”. Ich möchte bitte meinen Vornamen bei ebay versteigern. Jetzt gleich!

Ich bin im Grunde genommen auch der Meinung, dass mehr Farbe in die Stadien rein sollte.

Da es schon sehr, sehr, sehr alt ist, kennen das bestimmt schon wieder alle außer mir. Da es aber auch sehr, sehr, sehr großartig ist, kann es ruhig hin und wieder mal angesehen werden. Es begab sich zu einer Zeit, als Timm Maria Franz Elstner als Gastmoderator Hanns Joachim Friedrichs als regulärer Moderator des Aktuellen Sportstudios* den Schwarzweißfernseherbesitzern eigens erklärte, dass es sich bei den zu bestaunenden Nuancen von grau um “königsblau und türkis” handele, die Trikots noch werbefrei waren und Netzer ganz ohne Delling zurecht kam. Alles Dinge, die man sich heute überhaupt nicht mehr vorstellen kann.

*Meine Gesichtserkennung funktioniert offenbar nur mäßig. Ich meinte, Herrn Elstner zu sehen. Die Redaktion des Berliner Kurier hat mich überstimmt. Es steht damit 5:1 für Friedrichs.
** Der kaltmamsell danke ich für den Link.

Ich bin ein ganz normaler Tag.

Köpenick intoniert das Lied vom Tannenbaum, bei Muttern gibts urplötzlich W-LAN, Matthias Kern gibt ein Foto aus (ganz vielen Dank!) und die ARD bringt einen schmusekuschligen Bericht über den 1.FC Wundervoll in den Tagesthemen. Weich gestimmt wie ein mit Erdbeermarmelade gefülltes Lebkuchenherz denke ich “Was´n hier los?” und staune fünf vollmilchumhüllte Dominosteine ob der vielen Harmonie.

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Für einen kurzen Moment sah es nach dem perfekten Tag aus. Hätte man nicht einen Augenblick damit warten können, mir mitzuteilen, dass Steven Ruprecht zum VfR Aalen wechselt? Und hätte man ihm ein Geleitwort mitgeben können, das etwas weniger nach Spott und Hohn klingt?

Vermutlich wär ich mit so haufenweise Harmonie aber auch gar nicht klar gekommen.

Lass zwei Grafikdesigner mit einem Sack Kartoffeln unbeaufsichtigt, und schon schnitzen sie dir Elche.

Ich kann nicht versprechen, dass hier bis Jahresende stille Nacht, heilige Nacht herrscht. Wenn mir etwa weihnachtshalber wer ´ne Luftpumpe für meinen Fußball schenkt, müsste ich das selbstverständlich sofort ins Internet schreiben. Oder wenn in Uwe Neuhaus seinem 24.Türchen ein Stürmer drin ist. Oder gar ein Torwart namens Sven. Oder wenn ich ein tolles, neues Fußballbuch auswickeln dürfte. Bis es soweit ist, übt mein kleener Elch Fallrückzieher, und ich leg derweil die Füße hoch und stopf mich mit lecker Essen von Mutti voll. Macht´s gut, ihr!

elchball2

Auch mal mit leuchtendem Beispiel voran gehen.

Im Forsthaus zu Köpenick hat man bereits bewiesen, dass es geht. Fans bauen sich selbst ein Stadion, weil die Stadt, die Hände in den Hosentaschen vergraben, sagt “püh” und “spielt doch woanders” oder “is uns doch Latten, ob ihr überhaupt spielt”. Fußballunfreundlichkeit ist nicht berlinspezifisch, auch die Sportstadt Stuttgart hängt nicht allzusehr am GAZI-Stadion auf der Waldau und an ihrem Drittligisten, den Stuttgarter Kickers.

Die reichste Stadt Deutschlands [...] will nur den VFB Stuttgart finanziell unterstützen. Sie wollen trotz Auflage des DFB unser Stadion nicht 3. Liga-tauglich umbauen. Das ganze würde ca 7 Millionen Euro kosten. Ursprünglich war geplant den Umbau in der Winterpause vorzunehmen. Weil sich aber einige Banker in der LBBW verzockt haben sind alle noch nicht genehmigten Bauvorhaben gestoppt. Das kann den Zwangsabstieg bedeuten.

[utz, Union-Forum]

Der Anhang der Stuttgarter Kickers hat sich daraufhin organisiert und flugs die Aktion “Pro Waldaustadion” ersonnen. Noch ist nicht die Rede davon, das Projekt Stadionbau selbst in die Hand zu nehmen. Zunächst geht es darum, auf die Situation aufmerksam zu machen, Verbündete zu finden, Allianzen zu schließen – in der Hoffnung, die Stadt Stuttgart möge ihren Standpunkt überdenken und den Umbau wie geplant realisieren.

Setzt euch durch, Jungs + Mädels! Wir drücken die Daumen.

Und dann war da noch … (Presseschau vom 15.12.2008)

  • Die Unioner kennen "Das Trikot" von Torsten Schulz, weil die Geschichte vor etwas mehr als einem Jahr in der Berliner Zeitung veröffentlicht wurde. Es ist zum Immermitdabeihaben auch in dem Band "Revolution und Filzläuse" abgedruckt. Hab ich gekauft. Wollt ich verschenken. Werd ich behalten.
  • Das hoffen am meisten: Falko Götz und Andreas Thom.
    (tags: fussball)