Monthly Archive for September, 2007

Schilddrüsenunterfunktion.

Männer, die wissen, wo sie hingehören, Teil 2:

Funny van Dannen: Wenn wir Fußball spielten, musste ich immer ins Tor / und meistens war es so, dass meine Mannschaft verlor / und soll ich euch mal was sagen, es war mir scheißegal / denn bei Schilddrüsenunterfunktion ist das total normal.

Er ist und bleibt trotzdem einer meiner größten Helden.

… meine Fußball-Religion bleibt Eisern Union.

Schöner Beitrag zum fast genau selben Thema drüben bei den 11Freunden.

Für Ungläubige und solche, die noch nie David Bergner FUSSBALLGOTT hinterhergeschmettert haben: Peter Noss (Hrsg.), fußball ver-rückt – Gefühl, Vernunft und Religion im Fußball – Annäherungen an eine besondere Welt, Forum Religion & Sozialkultur, LIT Verlag, 3. Auflage,  2006.

Ich staune immer wieder. Jetzt grade zum Beispiel.

Der Beginn einer wunderbaren Freundschaft.

Ich wollte eigentlich nur fotografieren. Das Porträt einer Freundin. Schwierige Freundin, die immer sehr angestrengt aussieht, wenn eine Kamera auf sie zeigt. Ins Stadion sollte ich mitkommen. Im Stadion sei sie ganz sie selbst. Da wusste ich noch gar nichts, und Union spielte in der zweiten Bundesliga, mit Steffen Baumgart als Kapitän.
Spätestens nach dem dritten Stadionbesuch -ich hatte inzwischen nicht nur meine Freundin, sondern auch ihre Eltern, ihren Bruder, ihre Cousine und alle gemeinsamen Freunde, die mit uns im Block standen, fotografiert- war klar, dass ich wiederkomme.
Mit oder ohne Kamera.
Mit oder ohne Vorwand.
Seitdem bin ich zweimal ab- und einmal aufgestiegen, habe 8 Trainer verschlissen, ein Praktikum in einer Agentur für Sportfotografie gemacht, für Union geblutet und kaum ein Heimspiel verpasst.

Ich verstehe bis heute nicht, was mir da passiert ist.

Ich fühle mich unwohl bei dem Gedanken, dass es auch ein anderer Verein hätte sein können. (Inzwischen unvorstellbar.) Mich irritiert, dass ich meinem Fußballverein schon länger treuer bin als jeder anderen Beziehung. Ich finde den Satz “Ich werde Vereinsmitglied, weil ich einen festen Punkt in meinem Leben brauche” nicht mehr merkwürdig. Keine Verabredungen, wenn zuhause gespielt wird, ganz gleich, ob Punktspiel, Pokalspiel, Testspiel, Freundschaftsspiel, Abschiedsspiel oder Trainingsauftakt. Trotzdem ich es besser weiß, und selbst wenn sie berechtigt ist, reagiere ich ungehalten auf Kritik von Außenstehenden an der Alten Försterei, der Mannschaft des 1.FC Union Berlin und an der Tatsache, dass ich da hin gehe.

Ich denke manchmal, ich habe schlecht gewählt. Wobei ich mich eben nicht erinnern kann, überhaupt gewählt zu haben.

Eine von vielen möglichen Erklärungen dazu ist diese:

Menschen von verschiedenartigster Intelligenz haben äußerst ähnliche Triebe, Leidenschaften und Gefühle. In allem, was Gegenstand des Gefühls ist: Religion, Politik, Moral, Sympathien und Antipathien usw. überragen die ausgezeichnetsten Menschen nur selten das Niveau der gewöhnlichen einzelnen.“

(Gustave Le Bon: Psychologie der Massen » Die Masse vom Unbewussten beherrscht, 1895)

Sag mir, wo Du stehst.

Männer, die wissen, wo sie hingehören.

Nick Hornby: I´m a striker; or rather, I am not a goalkeeper, defender or midfield player [...].

Klaus Theweleit: [...] ich kam auf Linksaußen, meine Lieblingsposition, wenn ich nicht linker Halbstürmer spielen durfte.

Florian Weber: Scheiß auf Howie und Colt. Scheiß auf Mathe. Ich war Kevin “The Mighty Mouse” Keegan!

Manuel Alegre: Há muitos anos atrás, eu marcava muitos golos nos Largo do Botaréu, em Águeda, como avançado centro da equipa da Rua de Baixo.

Birger Schmidt: Mit blauer Donald Duck-Jogginghose stand ich wie damals auch mein Vater als Torwart zwischen den Pfosten.

Erwin Kostedde: Ich möchte nie mehr arbeiten, sondern nur noch am Tresen stehen und saufen.

Uns konnte gar nichts passieren.

Gestern im Berliner Landespokal 3:1 gegen Lichtenberg 47 gewonnen. Ein Spiel wie ein Beziehungsalltag.

-Schatz, bringste ma Müll runter?
-Siehste nicht, dass ich beschäftigt bin?
-Moahhhh… denn ehmd nich.
-Hach, na los, gib schon her.
-Nee, lass, ich mach schon selber.

Keiner wollte so richtig, aber da man sich nun mal aufgewärmt hatte, wär´s Quatsch gewesen, nicht zu spielen. Es war weder kalt, noch hat es geregnet, und das erste Tor war ein sehr schönes von Christian Streit nach Vorarbeit von Karim.

Mein persönliches Hochlicht des Abends war Nico Patschinski als Torwart. Hampeln, Hüpfen und Handschuhe alleine machen noch keinen Micha Hinz. Aber für´n Stürmer trotzdem ein sehr okayes Defensivverhalten :)

Gefährliche Liebschaften.

“Fußball ist eine Beziehungserfahrung.”

Stefan Krankenhagen: Aus der Halbdistanz, LIT Verlag, Berlin 2007, S.11

Anders kann ich´s mir manchmal auch nicht erklären. Muss ich wirklich heute abend ins Stadion? Es wird kalt sein, vielleicht regnen, es ist kein wichtiges Spiel, ich muss danach noch zwei Stunden Auto fahren, ich bin müde und auf dem besten Weg zu einer Erkältung.

Doch. Ich muss ins Stadion. Flutlichtspiel!

Ich hab irgendwann mal Fred gefragt, warum er zum Fußball geht.

“Weil’s Spass macht, 22 Leuten zuzuschauen, die auf einem grünen Rechteck einem weißen Ding hinterherrennen und erst damit aufhören, wenn der schwarze Mann pfeift. Und wegen lecker Bratwurst natürlich :).”

Da hat er was Wahres, Kluges gesagt. So einfach kann´s sein. Das ist dann das Bratkartoffelverhältnis unter den Beziehungen.

Spielsysteme.

Klaus Theweleit glaubt allgemein an strukturelle Übereinstimmungen in allen Systemen einer Gesellschaft, im Besonderen an die Wahrnehmungsübertragbarkeit des Systems Fußball auf andere gesellschaftliche Felder*, und Malte Welding findet ein außerordentlich einprägsames Beispiel dafür:

Die Linke in Deutschland ist dadurch belastet, dass es eine Partei gibt, die so heißt wie sie: Die Linke. Wäre die Partei Die Linke ein Fußballklub, dann wäre sie Energie Cottbus. Sie befindet sich ständig in der Defensive und in Ermangelung eigener Ideen zerstört sie das Spiel der anderen.

Malte Welding: Der linke Neoliberalismus – Versuch einer Konkretisierung, spreeblick.com

*Klaus Theweleit: Tor zur Welt, Kiepenheuer & Witsch, Köln 2006, S.93/94

Wie ich mal an Michael Bemben scheiterte.

Zwei Perspektiven auf das Spielfeld:

Eine Sache, die ich sicher über das Dasein als Fan weiß: Es ist kein nachempfundenes Vergnügen, trotz allem gegenteiligen Anschein, und jene, die sagen, dass sie etwas lieber selbst tun statt zuzusehen, verstehen nicht, worum es geht.

(Nick Hornby: Fever Pitch, Kipenheuer & Witsch, 26.Auflage, Köln 2006, S.253)

Beim Fußball zugucken ist ungerecht. Wahnsinnig ungerecht oft. Ganz egal, ob man es vor dem Fernsehapparat tut, von den besten Plätzen auf der Haupttribüne oder vom Stehplatz hinter Tor, wo die Ungerechtigkeit nicht mehr ganz so groß ist. Spiel doch nach rechts, brüllt die Tribüne, oder: Vorsicht, du Blinder, da kommt links noch einer – und bei alldem haben die da oben keine Ahnung von dem, was dort unten passiert.

(Christoph Biermann/Ulrich Fuchs: Der Ball ist rund, damit das Spiel seine Richtung ändern kann, 5. Auflage, Kiepenheuer & Witsch, Köln 2006, S.29)

Zuschauen wird, wie Nick Hornby sagt, zum Tun. Das weiß jeder, der mit vor Anspannung schmerzenden Schultern, mit Wadenkrämpfen vom aufgeregten Wippen auf den Kanten der Stehtraversen oder mit dem Abdruck des Absperrzauns auf den Handflächen nach einem aufregenden Spiel nach Hause geht. Heiser, erschöpft, abgekämpft. Zur Halbzeit 0:2 zurückgelegen, am Ende 5:3 gewonnen. Die Art von Spiel, die den Zuschauer physisch genauso fertig macht wie die Mannschaft.

Biermann/Fuchs mißverstehen das. Die meisten, die da am Spielfeldrand stehen, wollen eigentlich nicht tauschen oder selber eingreifen. Als ich das letzte Mal unten stand, zum Fotografieren, hat sich Unions erste Herrenmannschaft grad warm gemacht, für das Spiel gegen die Wolfsburger Amateure, und mir ist der Ball vor die Füße gerollt. Michael Bemben kuckte mich groß an und hätte ganz gern seinen Ball zurück gehabt. Ich stand da wie´n Gänseblümchen, kuckte zurück, kuckte zum Ball, kuckte wieder zu ihm und konnte mich nicht entschließen, gegen den verflixten Ball zu treten*.

Da wusste ich genau: ich bin ein Publikum**.

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Das war nicht etwa mangelnde Hilfsbereitschaft, sondern gefestigtes Rollenverständnis. Ich kucken, Du kicken. Ich schreien, Du schwitzen. So gesehen haben Fuchs/Biermann doch wieder Recht, das Spielfeld sieht von unten anders aus als von oben.

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* Hab ich dann doch, nach gefühlten 5 Minuten Schreckstarre.

** Diese wunderbare Wendung ist nicht von mir, sondern von Micha Ebeling, der das dienstägliche LSD-Publikum mit den Worten verabschiedet “Ihr wart ein Publikum.” -Womit er ja auch Recht hat.